Wenn Häuser Geschichten erzählen könnten

50 Jahre Hotel-Pension Steiermark 

(gsp) 1969 erwarb Gertrud Wiedenmann die Hotel-Pension Steiermark in Bad Reichenhall, in ruhiger Lage, in der Nähe der RupertusTherme. Nicht nur das Haus, sondern auch Bernd Temeier, einer ihrer ersten Gäste, hatte es ihr angetan. Sie heirateten bald und ihre jüngere Tochter Julia führt heute die Geschäfte der um 1900 im Stil der Neurenaissance erbauten Villa. Sie steht für die ‚goldenen Jahre‘ in Bad Reichenhall, als im Kurviertel viele noble Villen und Beherbergungsbetriebe entstanden. Viele von ihnen haben in der Folge der Gesundheitsreform (1989) in den 90er-Jahren ihren Betrieb schließen müssen. In Bad Reichenhall gingen die Übernachtungszahlen von 1,7 auf 0,8 Millionen zurück. Die Familie Temeier aber überstand diese Krisenzeiten und investierte jährlich. Das fast 120 Jahre alte Hotel ist jetzt 50 Jahre im Besitz der Familie.
Foto:  Mit dem Türmchen, Erkern, Balkonen und den hohen Fenstern scheint das Haus wie aus der Zeit gefallen, die um 1900 so ganz anders war wie die heutige.

Etagentoilette und fließend Wasser

Im Tourismus sind 50 Jahre eine großer Zeitspanne, vieles hat sich verändert, ist heute nicht mehr denkbar. So erinnert sich Gertrud noch daran, dass es in den ersten Jahren auf der Etage nur eine Toilette gab, die dann von bis zu acht Personen benutzt wurde, und auch nur ein Wannenbad und ein Telefon. Die Zimmer hatten ‚fließend kalt und warm Wasser‘, jedoch verfügte die Pension Steiermark bereits über eine Zentralheizung, damals keine Selbstverständlichkeit. „Zimmer mit Frühstück gab es für 13 DM“ , erzählt sie.

Geselligkeit ohne TV

Im großen Frühstücksraum saß man in früheren Jahren auch abends noch gerne zusammen, die Gäste kannten sich häufig untereinander und nur hier gab es einen Fernseher im Haus. „Sobald wir TV auf den Zimmern hatten, war es auch vorbei mit der Geselligkeit. Die Gäste zogen sich abends mehr ins Private zurück“, erzählt sie. Die meisten Urlauber reisten mit der Bahn an und fuhren dann mit dem Taxi zur Pension. „Ein eigenes Auto hatten wir in den ersten Jahren gar nicht“, erinnert sich Gertrud Temeier. Die Gäste gingen zu den Kurkonzerten, in das Rupertusbad mit dem Solebewegungsbecken oder hinauf nach Nonn, wo vor allem der Gablerhof ein lohnendes Ziel war. Eine Fußgängerzone gab es damals auch noch nicht, die kam erst 1975.

Einbrüche von über 50 Prozent

Die ersten Jahre waren nicht leicht, denn als gebürtige Schwäbin verfügte sie in Bad Reichenhall kaum über Kontakte. Sie kannte den Ort, weil ihre Mutter damals einige Male hier zu Kur war. „Glücklicherweise unterstützte uns damals eine nette Dame aus dem örtlichen Reisebüro und auch die Hoteliersfamilie Saile vom damaligen „Sparkassenheim“ schickte uns immer mal wieder Gäste. Die sind drei bis vier Wochen geblieben und meistens wiedergekommen. Heute ist das anders, nur wenige reisen noch Jahr für Jahr in den gleichen Ort und kaum länger als eine Woche.

Eine alte Villa fordert viele Investitionen

1989 war aber nicht nur das Jahr der ‚Blümschen Gesundheitsreform‘, sondern auch das Jahr der Deutschen Wiedervereinigung. Die ‚Ossis‘ entdeckten den bayerischen Alpenraum für sich und viele auch die Kurstadt. So wandelte sich der Gästekreis in Bad Reichenhall langsam und ständig, auch in der Hotel-Pension Steiermark. Das familiengeführte Unternehmen stellte sich darauf ein und investierte weiter. Die alte charaktervolle Villa, die von außen und innen zumindest die Erinnerung an eine Zeit wach hält, die so ganz anders war, musste erhalten werden. „Alle bewundern zwar unser Haus, weil es Würde und Alter in sich vereint, doch die Kosten der Erhaltung sind enorm.“ Ein neues Vier- oder Fünf-Sternehaus, errichtet nach neuesten baubiologischen Richtlinien, hat da ganz andere Voraussetzungen.

Russen entdecken das Haus

Schätzen tun das besondere Ambiente aber die Gäste, denn wo sonst werden einem so hohe und helle Zimmer geboten, ist allein die alte Treppenstiege schon herrschaftlich, und für einen guten Service und zeitgemäßen Komfort sorgt die Familie Temeier. Mit der ersten Homepage entdecken zunehmend Gäste aus Russland das Haus und Gertrud Temeier hat sie ins Herz geschlossen. „Bei uns war eher die Mittelschicht vertreten, einfache Leute, die sich über einen Urlaub in Bad Reichenhall außerordentlich freuen. Wir haben beste Erfahrungen mit ihnen gemacht.“

Neue Gästegruppen durch das Internet

Im weiteren ‚Wandel der Technik‘ wird seit ungefähr 2012 vermehrt über Internetportale wie etwa booking.com gebucht. Seit drei Jahren sind es auf einmal wieder viele Gäste aus Deutschland, die im Hotel Steiermark einchecken. Ein Novum ist die Hotel-Pension Steiermark auch in anderer Hinsicht. Sie hat sich bis heute nicht nach Sternen klassifizieren lassen. „Es kostet viel Geld, fordert viele Investitionen und nicht alle sind für uns sinnvoll“, erklärt die Junior-Chefin Julia, die den Betrieb 2014 übernommen hat.

Von März bis Oktober ist das Hotel garni Steiermark nahezu ausgebucht. Von November bis März werden die Renovierungsarbeiten vorgenommen, und nur die sechs Ferienwohnungen stehen zur Vermietung zur Verfügung. Auch das war ein großer Trend, das Einrichten von Ferienwohnungen. „Gerne wird aber der Frühstücksservice in Anspruch genommen“, verrät Julia Temeier.

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