Der Königssee ist einfach anders

Fjordartig schlängelt der See sich zwischen den steil abfallenden Felsen hindurch – Fotos: Gerd Spranger

Marcus Weisbecker ist seit dem Jahr 2000 Prokurist der Bayerischen Seenschifffahrt die auf dem Tegernsee, Starnberger See, Ammersee und vor allem auf dem Königssee Fahrgastschifffahrt betreibt. Der Königssee ist für den gebürtigen Bad Reichenhaller aber in mehrfacher Hinsicht ein ganz besonderer See. Eingebettet zwischen Watzmann, Hagengebirge und Steinernem Meer und mit einer Tiefe von bis zu 200 Metern verleiht er dem Nationalpark Berchtesgaden eine einzigartige Prägung. Es führt keine Straße oder Bahn nach St. Bartholomä oder weiter zum Obersee. Die Welt scheint hier ihr Ende gefunden zu haben.

Seit 110 Jahren fahren Elektroboote

Prokurist Marcus Weisbecker vor dem Ensamble der Bootshäuser

Die sanfte Technik eines Elektroantriebes für die Boote, wie sie seit 110 Jahren über den See fahren, trägt dieser besonders naturnahen Beziehung Rechnung. Gemächlich und ruhig befahren die 19 Schiffe den Königssee mit einer Kapazität von jeweils nur 80 Personen. Das setzt Grenzen und von Juli bis September spüren die Besucher das an längeren Wartezeiten, selbst wenn die Schiffe im 6-Minuten-Takt ablegen. Für den Erhalt von Natur und der Idylle des Alpennationalparks bleibt es aber die bessere Perspektive und es gibt keine Alternative dazu, wie Marcus Weisbecker ausführt.

„Der Nationalpark setzt Grenzen“

Jährlich bis zu 700.000 Menschen überqueren den See mit den Elektrobooten.

„Das Ensemble unserer Bootshäuser steht unter Denkmalschutz und wir könnten dort weder mehr, noch größere Schiffe unterbringen. Aber selbst wenn es ginge, etwa durch den Einsatz großer und schnellerer Schiffe mit Dieselantrieb, setzt der Nationalpark hier klare Grenzen und das ist auch gut so. Wir würden dieses Naturjuwel damit zerstören. Die zeitlose Majestät der Bergwelt mahnt uns zu einer gesunden Bescheidenheit. Entschleunigung ist das moderne Attribut dafür – Zeit haben und sich Zeit nehmen.“ Die Schiffe werden zudem komplett in der eigenen Bootswerft am Königssee gefertigt und dort auch gewartet. Die Bayerische Seenschifffahrt am Königssee ist je nach Saison für 70 bis 100 Menschen ein verlässlicher Arbeitgeber.

„Der See ist für alle da“

Sehnsuchtsort St. Bartholomä mit der Watzmann-Ostwand. Nur selten bleibt es ruhig während der Sommermonate.

„Einmal hatten wir den Versuch gestartet ab 14.00 Uhr keine Tickets mehr auszugeben. Sie glauben nicht was da los war, die Leute sind ja fast handgreiflich geworden. Ein Besucher beteuerte, dass er nach einer dreistündigen Anreise aus München es einfach nicht glauben kann, dass es jetzt keine Überfahrt mehr gibt.“ Natürlich könne man auch über den Preis die Zahl der Besucher reduzieren und die Fahrten deutlich teurer machen. „Das wollen wir aber nicht. Es würde die Falschen, nämlich Familien mit Kindern, treffen. Und der See ist für alle da, nicht nur für jene, die sich mehr leisten können.“

Zu lange beim Frühstück,
zu spät am See

Ein neues Schiff, etwas länger und etwas größer, wartet auf seine Fertigstellung. Bis zu 120 Gäste kann es aufnehmen.

Eine andere Ursache für die Rush-Hours sieht der Prokurist in den heute üblichen großen Frühstücksbuffets der Hotels. „Heute buchen viele Halbpension, stehen etwas später auf, frühstücken reichlich und landen dann gegen elf Uhr bei uns an. Dann wird es natürlich eng am Schalter und ebenso bei der Rückfahrt, wenn zwischen 16 und 17 Uhr alle gleichzeitig fahren wollen. Es ist auch die Zeit in der viele Bergsteiger zusteigen. Auch können an den Stegen in St. Bartholomä und am Salet nur zwei Boote gleichzeitig festmachen. Die Grenzen des Machbaren sind eng gesetzt.“

Viele Besucher
unterschätzen den Zeitfaktor

Die Werft der Königsseeschifffahrt ist komplett unabhängig und alle Arbeiten werden selbst ausgeführt.

Man könnte für die Rückfahrt gleich die Zeit mit buchen und so die Zahl der Fahrgäste steuern. Das funktioniert einigermaßen beim Kehlsteinhaus, nicht aber am Königssee, ist sich Weisbecker sicher. „Selbst jene, die den See und sein Umfeld kennen, haben damit ihr Problem. Was ist, wenn der Besucher sich beim Besuch der Eiskapelle in der Zeit verschätzt oder spontan vom Salet aus noch an den Obersee gehen möchte? Da sind ein, zwei Stunden gleich zusammen. Wie aber soll ein Ortsfremder das überblicken können?“ Der Königssee ist nämlich auch Ausgangspunkt für Wanderungen und einiger großer Bergtouren, die bis weit in den Alpennationalpark Berchtesgaden reichen.

Entschleunigen am Königssee

„Nichts geht mehr“, Endstation. Hinter dem Obersee geht es nur noch für geübte Bergsteiger weiter.

Organisatorisch schafft selbst die wechselnde Zahl an Bergsteigern mit zwei zusätzlichen Haltestellen Umstände, die nicht zu kalkulieren sind. Hingegen ist Marcus Weisbecker mit dem Status Nationalpark sehr zufrieden. „Der gesteckte Rahmen erhält ein Gleichgewicht, und wir stoßen mit bis zu 700.000 Besuchern jährlich, vor allem während der Sommerferien, an unsere Grenzen“, so der Prokurist. Der Königssee ist aufgrund seines langgestreckten fjordartigen Charakters, eingegrenzt von hohen Bergen, für einen Massentourismus nur bedingt geeignet. Der See lädt eher zum Entschleunigen ein, wovon die Wallfahrtskirche St. Bartholomä bis heute ein stummes Zeugnis ablegt. „Am See geht es beschaulich zu, und es finden sich viele stille Winkel und Plätze“, ergänzt Marcus Weisbecker.

Onlinebuchung und Online am See

Das alles löst freilich nicht das Problem von langen Wartezeiten, obgleich seit August wieder Online-Reservierungen möglich sind und zur Entspannung beitragen. Auf jedem Fall investiert man am Königssee weiter, etwa in eine sieben Kilometer lange Seeleitung, so dass jetzt selbst St. Bartholomä und Salet endlich online sind. Im November wird eine neues Fahrgastschiff in den Betrieb genommen.

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