Eine leichte Brise an der Adria

Juli nur zu 50 bis 70 Prozent gebucht –
August nur etwas besser

Mit gemischten Gefühlen starteten wir im Juli 2020 in unseren schon längst gebuchten Italienurlaub an der Adria zwischen Jesolo und Venedig. Seit zehn Jahren sind wir leidenschaftliche Camper, lieben das Leben in der freien Natur und einen unkomplizierten Tagesablauf. Was aber erwartet uns im Coronajahr, nur vier Monate nach dem ersten europäischen Hotspot in Bergamo? Venedig liegt 230 Kilometer südöstlich, zählt mit knapp 20.000 bestätigten Fällen aber nur ein Viertel wie die Lombardei. Die Grenzen nach Italien sind seit dem dritten Juni wieder offen, der große Run an Touristen aber bleibt aus. Bei der rund 450 Kilometer langen Anfahrt begegnen uns kaum Wohnwagen oder Reisemobile, ein ungewohntes Bild in der Ferienzeit.

Nur wenige Menschen sind im Meer und der Strand ist eher halbleer, als halbvoll. Im Hintergrund ist die Sunshine-Bar, ein zentraler Treffpunkt am Strand. Selbst am späten Vormittag finden sich im Juli nur wenig Gäste ein.- Fotos: Gerd Spranger

Hauptsaison an der Adria bedeutet für gewöhnlich volle Strände und Plätze, von denen sich zwischen Venedig und Jesolo 25 große Anlagen mit Kapazitäten für je 2.000 bis 12000 Urlaubern reihen. „Man spricht deutsch“, denn Urlauber aus Deutschland, der Schweiz und Österreich zählen zum Stammpublikum, halten einen Anteil von etwa 50 Prozent an dem lebhaften Tourismusgeschäft. Die Italiener selbst verbringen ihren Urlaub ebenfalls gerne am Meer. In diesem Jahr aber war es anders. Unser 3-Sterne-Campingplatz ist im Juli nur etwa zu einem Drittel belegt, darunter viele italienische Familien. Das ändert sich mit Beginn der Ferien in Bayern nur langsam.

Freie Platzwahl und ruhiger Strand

Gespenstisch wirkt der einsame Wohnwagen auf dem Campingplatz, wo die Jahre zuvor die während der Hochsaison alles ausgebucht war.

Bei freier Platzwahl platzieren wir unseren Zeltcaravan in Wunschlage und mit reichlichem Abstand. Die Leere unter den alten Pinien, Kiefern, Pappeln und Ahornbäumen sind ein völlig ungewohntes Bild während der Hauptsaison. Sie spenden bei Temperaturen über 30 Grad Schatten etwas Kühle, ebenso die leichte beständige Brise vom Meer, ein mediterranes Gesundheitsklima zum Wohlfühlen. Jeder genießt diese Freiheit abseits des Alltags in entspannter Stimmung auf seine Weise. Selbst der weite Sandstrand füllt sich gegen elf Uhr nur zögerlich, während die Temperaturen langsam aber deutlich über die 30 Grad steigen.

Ein herber Schlag für die Branche

Die Betreiber des Camping Ca’Savio, die Familie Vianello, ist sich der neuen Situation bewusst. Juniorchefin Nicoletta Vianello, die seit vier Jahren in das Marketing und Management des Campingressorts eingebunden ist, gesteht:

Mit 5600 Stellplätzen und drei Sternen bietet der Camping Ca’Savio etwas weniger Infrastruktur, lässt dafür aber mehr Freiheiten.

„Wir müssen aktuell einen Rückgang um bis zu 60 Prozent hinnehmen. 2020 kamen zwar mehr Italiener, doch die Hauptgruppe der Urlauber aus Deutschland, Österreich und der Schweiz fehlen. Ebenso haben sich kleinere Veranstalter mit festen Kontingenten zurückgezogen und es fehlen die Fluggäste, die über Venedig anreisen.“

Ein Klientel, dass die Mobilhomes und komplett ausgestatteten Zelte und Bungalows bevorzugt, die etwa 55 Prozent des Platzes ausmachen. „Immer mehr Gäste reisen mit leichtem Gepäck an und viele probieren das Campen erst einmal aus, bevor sie sich möglicherweise für ein Reisemobil entscheiden,“ erklärt Nicoletta.

Wirklich beunruhigt sei man nicht, auch wenn dieses Jahr einen noch nie dagewesenen schmerzlichen Einschnitt mit sich bringe. „Die Freiheit und Sicherheit des Camping ist gefragter wie je zuvor. Gerade jetzt merken wir, wie die Gäste verantwortungsbewusst mit der Situation umgehen. Dabei haben Sie genügend Platz zur Verfügung und das nötige Stück Privatsphäre. Wir als Betreiber tun alles, um den Komfort und die Sicherheit für die Gäste zu erhöhen“, verspricht die Juniorchefin.

Investitionen vorerst zurück gestellt

Vorerst stehen keine neuen Investition an. Man wolle zuerst die aktuelle Entwicklung abwarten. Die letzte große Investition war in den Jahren 2018 und 2019 der Neubau des zweistöckigen Empfangsgebäudes mit großen modernen Empfangs- und Verwaltungsräumen, Supermarkt und Cafeteria. „Wir haben dafür fünf Jahre lang geplant und um Genehmigungen ansuchen müssen,“ merkt sie an.“Seit zwei Jahren planen wir bereits die Sanierung unserer alten Bungalows aus den 70er-Jahren, die in der ersten Reihe hin zum Strand stehen. Doch wird es bis zur Genehmigung wohl noch einige Jahre dauern.“ Mit einer Kapazität von bis zu 5600 Gästen ist der Platz nach dem „Union Lido“ und „Marina di Venezia“ das drittgrößte Campingressort in Venezien“, merkt Nicoletta Vianello an.

Der ‚Marina di Venezia‘ hat die letzten Jahre viel investiert und die Gäste schätzen die Nähe zur den Venedig-Fähren in Punta Sabbioni.

Bessere Situation bei den 5-Sterne-Plätzen

Die Situation bei den beiden 5-Sterne-Campingplätzen ‚Marina di Venezia‘ und ‚Union Lido‘ ist deutlich besser. Sie haben eine Kapazität für 11.000 bis 12.000 Personen und verzeichnen eine Auslastung von 70 Prozent. Dabei sind die zu mietenden Einheiten mit 80 Prozent noch besser gebucht, erläutert Dr. Massimo Battaglio, seit 2006 Manager des Marina die Venezia, der zu Recht den Zusatz ‚Camping-Village‘ trägt. Eine eigene kleine Stadt mit moderner Einkaufspromenade und vier Restaurants, wie sie ähnlich auch der Union-Lido bietet. Die Freunde des Glamping fühlen sich hier gut aufgehoben. „Wir haben aus der Krise gelernt, die Restriktionen in Italien waren deutlich schärfer als etwa in Deutschland,“ erzählt Massimo. An die Gäste wird eine eigene Broschüre mit dem Titel „Happy Safe Holiday“ ausgegeben, für noch mehr Hygiene zusätzliches Personal eingestellt und in den Bungalows und sanitären Einrichtungen zusätzliche Maßnahmen getroffen.

Der Union Lido bezeichnet sich selbst als erstes Fünf-Sterne-Camping in Italien und hat eine große Fangemeinde.

Wie gehen die Gäste
mit der Situation um?

Wie gehen unsere Camping-Nachbarn mit den Ängsten und Urlaubswarnungen in Coronazeiten um? Wie wir selbst erlebten, verzichten die Meisten auf ihren Sommerurlaub im Süden. Nicht so Reinhard (39) und Astrid (36) aus Landeck in Tirol mit ihrer 13jährigen Tochter Emma. Sie sind zum vierten Mal in Ca‘ Savio mit großen Zelt nebst Equipment beim Campen. Eigentlich wollten sie 2020 nach Kroatien reisen, die Situation und aktuelle Entwicklung aber erschien ihnen zu unsicher. Auch der Faaker See stand zur Wahl, dort aber sei der Andrang enorm hoch. Sie bereuen ihre Entscheidung für die Adria nicht. „Es ist unkompliziert und wir fühlen uns hier sicher, zumal ja für die Hochsaison kaum Urlauber hier sind,“ bekräftigen sie. Der Platz hält nur drei Sterne und bietet etwas weniger Komfort und Badelandschaft mit Animation. Dafür aber lässt er viele Freiheiten und die Familie schätzt das, selbst die 13jährige Tochter, die auch nächstes Jahr unbedingt wieder hier auf Urlaub sein möchte.

Es braucht Zeit um abzuschalten

Wir haben bei unserem Urlaub auch die vorsichtigen Gäste kennen gelernt, etwa Matthias (72) und Ingrid (69) aus Augsburg. Sie kennen den Platz seit 1976 und sind seit dieser Zeit immer wieder zu Gast gewesen, dennoch musste sich Ingrid bei der Anreise erst einmal ein Bild von den sanitären Einrichtungen machen. Zum Geschirr abwaschen etwa bevorzugt sie den eigenen Wohnwagen, entsorgt dann lieber das Spülwasser in den öffentlichen Anlagen. Sonst aber fühlen sie sich sicher, sind mit den seit Jahren bekannten Nachbarn im regen Austausch. „In diesem Jahr ist nur ein Drittel belegt, wir haben jede Menge Platz um uns herum. Auch am Strand liegen die Gäste in einem Mindestabstand von fünf Metern. Versorgt sind wir durch den eigenen Wohnwagen selbst, was also soll uns bitte passieren,“ fragen Matthias und Ingrid. „Ich habe wirklich drei Tage gebraucht, um die uns seit Wochen begleitenden Schreckensmeldungen wegen Corona aus dem Kopf zu bringen, und endlich hier im Urlaub anzukommen,“ bekennt Ingrid.

Ein anderes Paar sind Hans (69) und Marianne (69), seit dreißig Jahren besuchen sie den Platz, haben ihre Wohnwagen dauerhaft in Ca‘ Savio eingestellt und verbringen hier jedes Jahr fünr Wochen. „In der Schweiz ist aktuell jede Berghütte und jedes freie Wohnmobil gebucht“, bekräftigen sie. „Hier, auf unserem Campingplatz, erleben wir in diesem Jahr eine Leere wie noch nie. Das ist zwar gut für uns, doch macht es uns auch ein wenig Angst. Was macht es mit der Region, mit den hier lebenden Menschen?“

Der Zeltanhänger von Trigano bietet mit dem Vorzelt viel Platz. Der Auf- und Abbau ist etwas aufwändig, doch es geht auch ohne Vorzelt bei Wochenendausflügen. – Foto: Gerd Spranger

 

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