Ein Hochfest der Schlaraffen im Königlichen Kurhaus

100 Jahre „Hala bavarica“ – 67 Reyche zu Gast – Ein lautes „Ehe“ und „Lulu“

Lange schon war das Königliche Kurhaus in Bad Reichenhall nicht mehr so gut besucht wie beim 100jährigen Gründungsfest der „Schlaraffia Hala bavarica“. 350 Schlaraffen, Festgäste und Musiker erlebten ein Spektakel der schlaraffischen Tradition, die bis auf das Jahr 1859 zurückreicht und dem romantischen Ritterspiel und Hofleben angepasst ist. Die Gäste schmückten sich mit bunten Schärpen und Narrenkappen (ihren „Ritterhelmen“) und zeigten damit zugleich, dass sie zwar an ritterliche Tugenden festhalten, sie aber nicht allzu ernst nehmen, sondern humorvoll parodierten. Etwa wenn der Vorstand als Oberschlaraffe sich in einem rot-weißen Hermelinmantel gewanden lässt und so seines Amtes waltet. Wenn unter Fanfare und entrolltem Banner der Einzug von Rittern, Junkern und Knappen aus 67 deutschen Städten (Reychen) gewürdigt wird und der Zeremonienmeister Ritter Capodastro sie mit Titel und Burgsitz alle namentlich nennt.

Ein Blick in die Festversammlung der Schlaraffen im Königlichen Kurhaus

Zunächst aber ließen es die Schlaraffen-Ritter und Burgfrauen gemütlich angehen und entsprachen in einem großen Buffet auch ihrer namentlichen Bestimmung. Kulturell gestaltete sich der Festabend, ein Hochfest der Schlaraffen, mit musikalischen Beiträgen von Alphornbläser und musikalischen Ensembles des Ainringer Kulturvereins. Im Königlichen Kurhaus von Bad Reichenhall feierte der Zusammenschluss bereits 1922 sein Gründungsfest und 1997 sein 75jähriges Bestehen. Die Freude war darum doppelt groß, diese Festburg für diesen Abend wieder in Besitz nehmen zu dürfen. In Bad Reichenhall habe man in seiner langen Tradition bereits zehn Burgen besessen, was im weltlichen Sinne jeweils einem Vereinslokal entspricht. Die Sprache der Schlaraffen aber ist aus altdeutschen Elementen modeliert und teils auch frei erfunden. Man ruft sich nicht etwa wie im Karnevalsverein, was Schlaraffia eben nicht ist, ein lautes „Helau“ zu, sondern ein „Ehe“ oder „Lulu“. Auch vermeidet man Begriffe wie „Gott sei Dank“ und dankt lieber einem Vogel, nämlich „Uhu sei Dank“, der als Symbol der Weisheit und Allgegenwart über das Treiben der Schlaraffen wachen soll.

Der Uhu wacht und lauscht den Künsterlinnen vom Kulturverein

Einerseits bricht man bei den Schlaraffen bewusst mit religiösen und gesellschaftlichen Traditionen, hält aber eng an der eigenen Schlaraffen-Tradition fest, die in geschlossener Männerrunde in ihren Burgen streng zeremoniell ausgetragen wird. Die Schlaraffen sind hierarchisch strukturiert aus Rittern, Junkern und Knappen und dem Protokoll des Spiels fest unterworfen. „Begehen wir das Spiel nicht in einem gebührenden Ernst, so wäre es ja ein Blödsinn und dafür steht es nicht“, erläutert einer der Oberschlaraffen, Dr. Josef Lecheler.

Ein besonderes Geschenk der „Schlaraffen-Mutter“

Die Spannung zwischen traditionellen Strukturen und einem freien und modernen Geist brachte Oberschlaraffe Ritter Per-Vieh-d´l vom guten Ton (Dr. Christoph Werner) als Vorsitzendes der „Schlaraffia Hala bavarica“ mit einem Zitat von Michael Ende zum Ausdruck: „Ohne Vergangenheit kann man keine Zukunft haben!“ Er würdigt zunächst die eigene Geschichte der Schlaraffen, beginnend bei Prag im Jahr 1859, über Salzburg 1897 und die daraus hervorgegangenen Reyche Braunau, São Paulo, Paris und Zell am See. Inhaltlich erinnerte er an die Abende des Ritterspieles mit Maskerade gekleidet.

‚Dank‘ an Ehrenritter „Feit-si-nix“ aus Traunstein

„Wie geschickt! Wir sind ohne profanen Namen und Stand, mit Phantasienamen entrückt in eine vergangene Zeit mit ihrer eigenen Sprache, mit bunter Rüstung, Zeremonien und Blechabzeichen! Bis zur Unkenntlichkeit verkleidet und der Profanei gänzlich entrissen! Und äusserlich bereit, den Ritter zu spielen“, skizziert Ritter Per-Vieh-d´l das Spiel als ein anspruchsvolles und unterhaltsames Improvisationstheater.

Oberbürgermeister Dr. Christoph Jung grüßt die Schlaraffen-Gemeinde

Als Ziel des Spiels, das der Selbstfindung und Selbstentfaltung dienen soll, nannte er die Ideale Kunst, Freundschaft und Humor. Dabei spiele die Selbstironie eine tragende Rolle, denn „die damals angeprangerte Welt aus Adel, Ständeordnung und den Standesdünkel mit Orden und höfischem Gehabe gibt es nicht mehr, oder doch?“ fragt er in die Festversammlung hinein und fährt fort: „Persiflieren wir uns nicht selbst? Unseren Hang zu Äusserlichkeiten, zu Bewunderung, zu Titeln und Ämtern? Die Orden heissen heute doch nur Rolex und BMW. Wie anfällig sind wir doch für Eitelkeiten und profane Auszeichnungen!“

Drei Oberschlaraffen leiten durch den Abend und das Zeremoniell der Schlaraffenwelt. V. l.: Franz Maushammer (Ritter Schau-ma-moi), Dr. Josef Lecheler (Ritter Pneumocelsus), Dr. Christoph Werner ( Ritter Per-Vieh-d´l).

Die programmatische Rede zum Zustand und der Zukunft der Schlaraffia schien die Herzen der Anwesenden berührt zu haben. „Wir sind kein Geheimbund! Wir müssen uns eingedenk sein, dass wir einst aus der Gesellschaft kamen und wir sollten den Weg zurück zu ihr finden!“ rief der Festredner Ritter Per-Vieh-d´l in das Auditorium und erhielt am Ende ein lang anhaltendes “’standing ovation“. Für Schlaraffen ein sehr ungewöhnliche Bekundung ihrer Zustimmung, wird doch gewöhnlicher Weise nur mit Klopfen auf den Tisch und „Lulu-Zurufen“ der Beifall bekundet. „Mit dieser Rede und der festlichen Veranstaltung hat das eher kleine Reych Hala bavarica seinen Fussabdruck in diesem alten Weltbund hinterlassen“, sind sich die Oberschlaraffen einig.

Der festliche Einzug der alten Fahne der ‚Allmutter‘ Praga und die blaue Kerze zum Andenken an jene, die „gen Ahalla geritten“.

Einen weiteren ergreifenden Moment erlebte die Festversammlung, als den „gen Ahalla gerittenen“ Freunden mit Bildern und Musik gedacht wurde. Als schliesslich auch die alte Fahne der Schlaraffen-Gründergemeinde, „Allmutter“ Praga im Licht des Scheinwerfers feierlich eingetragen wurde, erreichte die Emotionalität ihren Höhepunkt. Denn diese Burg besteht heute nicht mehr, da Schlaraffia im zweiten Weltkrieg durch die Nationalsozialisten zur Auflösung gezwungen wurde, und mit ihr „erloschen“ viele weitere Versammlungsorte im Osten. Der Bariton Oskar Hillebrandt, an diesem Abend Ritter Kirawi, würdigte diesen ergreifenden Moment mit den Klängen „Wie könnt ich Dein vergessen, Allmutter Praga, Dich?“. Die anwesenden Schlaraffen werden sicher auch diesen Abend nicht vergessen können! –

Text & Fotos: Gerd Spranger

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