Opfer zu oft allein gelassen

Der Verein WEISSER RING hilft Betroffenen – Unterstützer gesucht

(gsp) In den Medien und auch in der öffentlichen Debatte erleben wir immer wieder, dass den Tätern von Straftaten viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Opfer hingegen bleiben weitgehend unbeachtet. Zu diesem Schluss kam bereits Eduard Zimmermann, der von 1967 bis 1997 dreihundert Folgen der Fernsehserie Aktenzeichen XY moderierte und sich für die Aufklärung von Verbrechen einsetzte.

Er war 1976 Mitbegründer der Organisation ‚Weisser Ring‘, die heute in Deutschland 44.000 Mitglieder zählt und in 18 Landesverbänden mit 400 Außenstellen und rund 2900 professionell ausgebildeten, ehrenamtlichen Helfern strukturiert ist. Auch im Berchtesgadener Land ist der ‚Weisse Ring‘ vertreten. Seit 2917 ist Inge Bernecker-Krause die Leiterin der Außenstelle im Berchtesgadener Land. Wir haben uns mit ihr über die Arbeit unterhalten. Auf der Homepage werden die Tätigkeitsbereiche Häusliche Gewalt, Stalking, Vergewaltigung und Betrug genannt.

Gewalt hat viele Seiten

Auch sie beklagt, dass sich um die Opfer von Straftaten zu wenig gekümmert wird. Lediglich im Bereich „Häusliche Gewalt“ gibt es in Deutschland staatlich eingerichtete Interventionsstellen. Dorthin werden von den Polizeidienststellen betroffene Opfer direkt vermittelt. 2021 verzeichnete man in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgaden 71 Fälle von häuslicher Gewalt, berichtet die Leiterin Sabine Weiß und räumt ein, „dass die Dunkelziffer hoch sein dürfte.“

Inge Bernecker-Krause bemängelt, dass viele Menschen als Opfer von Gewalttaten in Bayern durch das Raster fallen. Für sie gäbe es keine feste Anlaufstelle, Betroffene wüssten darum nicht wohin sie sich wenden können und sind nicht selten verunsichert oder gar traumatisiert. Hier engagiert sich der Verein ‚Weisse Ring‘, der nicht durch öffentliche Gelder finanziert wird, sondern allein aus Spenden, Erbschaften und Mitgliedsbeiträgen. Die hier tätigen Menschen arbeiten alle ehrenamtlich, auch Inge Bernecker-Krause. Etwa 40 Menschen als Opfer von Gewalt und anderen Straftaten begleiten sie und ihr kleines Team im Jahr.

Kinder verdrängen Missbrauch

In den letzten Jahren stellte das Thema „Sexueller Missbrauch in der Kindheit“ einen Schwerpunkt in der Arbeit des Vereins dar. Kinder verdrängen den Missbrauch häufig komplett, bauen eine zweite Persönlichkeit als Eigenschutz auf. „Erst viele Jahre später, wenn sie stark genug sind“, mutmaßt Bernecker-Krause, „kommen diese Erinnerungen wieder und dann ist Hilfe und Aufarbeitung nötig.“ Hilfe, die sich nicht nur auf die Vermittlung eines Therapeuten beschränkt. Opfer von Gewalt leiden häufig psychisch, sind nur mehr vermindert leistungsfähig oder müssen mit Ängsten leben, die sie selbst zunächst nicht einmal begreifen können.

Was können Betroffene tun?

Mit im Team des ‚Weissen Ring‘ im Berchtesgadener Land ist auch Werner Wundt, der sich bereits von 2013 bis 2015 in seiner Heimatstadt Böblingen beim Verein engagierte. Er verweist auf die komplexe Situation vor der Betroffene häufig stehen. „Viele wissen gar nicht, was sie jetzt eigentlich tun können. Wohin können sie sich wenden, zum Sozialamt, zum Jugendamt oder an das Landratsamt? Brauchen sie eine Therapie, einen Anwalt, liegt eine Straftat vor? Bin ich Opfer oder bilde ich mir das alles nur ein, fragen sich die Betroffenen. Wir versuchen dies in Gesprächen zu klären und leiten die nötigen Schritte ein, verstehen uns als Lotse zwischen den Möglichkeiten.“

Das Opfer-Entschädigungs-Gesetz

Grundsätzlich sind mögliche Leistungen im Opferentschädigungsgesetz geregelt. Wie aber steht es etwa mit einer Zusatzrente wegen Erwerbsminderung? Es braucht Experten und Gutachten, um den Sachverhalt zu klären. Der Verein begleitet zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht, an erster Stelle aber steht der menschliche Beistand und die persönliche Betreuung nach einer Straftat. „Er übernimmt bei Bedarf die Kosten für eine anwaltliche Erstberatung, und unterstützt das Opfer gegebenenfalls auf dem weiteren Rechtsweg, immer mit dem Ziel, Opferrechte optimal durchzusetzen“, informiert Christine Haunerdinger, die stellvertretende Außen- stellenleiterin, die sich seit 2014 für den ‚Weissen Ring‘, zuerst in Traunstein und dann im Berchtesgadener Land, engagiert.

Inge Bernecker-Krause spricht aber auch von kleinen Hilfen, von
„finanzieller Unterstützung zur Überbrückung tatbedingter Notlagen“, wie es in den Vereinsstatuten heißt. Wenn etwa nach einem Diebstahl der Brieftasche inklusive Bargeld und Kreditkarte das Geld für die Heimfahrt fehlt. Jedoch unterstützt der Verein Opfer einer schweren Straftat auch mit größeren Hilfen wie etwa einem Erholungsurlaub nach einem Gewaltverbrechen.
Insgesamt hilft der WEISSE RING jährlich mit rund 15 Millionen Euro Opfern von Gewalttaten in Deutschland. Darin enthalten sind auch Mittel zur Kriminalitätsvorbeugung und Aktionen, um sich öffentlich für Opferbelange einzusetzen.

Mehr öffentliches Bewusstsein

Neben der aktiven Opferhilfe fordert der Verein von Politik, Justiz und Verwaltung die Verbesserung der rechtlichen und sozialen Situation von Kriminalitätsopfern und ihrer Angehörigen. Es müsse ein stärkeres gesellschaftliches Bewusstsein für die Situation der Opfer entstehen und für die Kriminalitätsvorbeugung mehr öffentliche Mittel bereit stehen. Auch im Berchtesgadener Land braucht der ‚Weisse Ring‘ mehr Unterstützung für die Arbeit, vor allem Menschen, die sich im Ehrenamt dieser Aufgabe stellen wollen. Dafür gibt es eine intensive Einarbeitung, zwei Schulungsblöcke für die Grundlagen und laufend fachspezifische Seminare.

Öfters läutet das Notfalltelefon auch bei Betrugsdelikten. Etwa wenn mit dem „Enkeltrick“ vorgegeben wird. Man sei in eine Notlage geraten und brauche dringend finanzielle Hilfe. Vorgeschoben werden Argumente von Corona, Urlaubsreisen bis hin zu schweren Unfällen und sofort zu leistende Strafzahlungen. Immer wieder fallen darauf vor allem ältere Menschen herein und auf einmal ist das Geld weg.
Die Außenstelle im Berchtesgadener Land hat bisher nur wenig Nachfrage von Mitmenschen aus anderen Kulturkreisen erhalten. Sprachbarrieren könnten dafür eine Ursache sein. Der ‚Weisser Ring‘ aber ist grundsätzlich für alle Menschen mit Wohnsitz in Deutschland, und auch für Deutsche im Ausland zuständig.

Kontakt zum WEISSEN RING:
Hotline: 0151-55164737
Email: bernecker-krause.inge@mail.weisser-ring.de

Reportage: Gerd Spranger

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