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154 Millionen für den Landkreis BGL

Sie stellten sich den Fragen der Presse: Nicole Fegg, Leiterin des Finanzmanagements; Hans Jahn, Geschäftsbereichsleiter für Zentrale Angelegenheiten, Landrat Bernhard Kern und Klaus Willberger, Leiter des zentralen Gebäudemanagements. – Foto: Gerd Spranger

Es geht in den nächsten Jahren um hohe Investitionen von knapp 154 Millionen Euro im Landkreis Berchtesgadener Land für die Schulen, Straßen und den Neubau des Landratsamtes. Weitere 40 Millionen sind für den Unterhalt und laufende Kosten angesetzt. Der Landkreis lud darum zu einem Pressegespräch, um „Missverständnissen und Gerüchten vorzubeugen“, wie etwa, dass der Neubau des Landratsamtes jetzt ganz wegfalle. Landrat Bernhard Kern bekräftigte die drei Beschlüsse des Kreistages. „Der Neubau wurde einstimmig beschlossen, und zwar in einer Holzhybridbauweise und auch der neu gewählte Kreistag steht einstimmig zum Neubau.“ Allerdings würden sich die Bauarbeiten von 2024 bis 2027 hinziehen.

Knappe Personal- Ressourcen

Hans Jahn, Geschäftsbereichsleiter für Zentrale Angelegenheiten des Landkreises, verwies auf die personellen Ressourcen des Landratsamtes, die laufende Planung und nötige Ausschreibungen. Darum stehe der Neubau nicht mehr im Finanzplanungszeitraum 2023. „Wir müssen realistisch bleiben. Wir haben aktuell zwei neue Stellen für Planung, Bau- und Gebäudemanagement genehmigt, doch bislang nicht besetzten können.“

Investition in die Bildung

Oberste Priorität des Investitionsprogrammes des Landkreises Berchtesgadener Land aber habe die Bildung, betont Landrat Bernhard Kern immer wieder. Konkret werden dabei das Sonderpädagogische Zentrum St. Zeno, das Rottmayr-Gymnasium in Laufen und das Karlsgymnasium in Bad Reichenhall genannt. Ebenso stehen Investitionen bei der Staatlichen Berufsschule in Freilassing und bei der Berufsfachschule für Holzschnitzer und Schreiner in Berchtesgaden an.

60 Millionen für die Berufsschule

Die Berufsschule Freilassing verfüge generell über zu wenig Platz und müsse in Teilen komplett saniert werden, führt Bernhard Kern aus. Mit Investitionen bis zu 60 Millionen Euro will man sie weiter zukunftsfähig machen. „Wir sprechen dabei von den nächsten zehn bis zwanzig Jahren“, erläutert Hans Jahn. Zunächst aber müsse die technische und bauliche Substanz geprüft und viel Planungsarbeit geleistet werden. Vor 2024 werde es darum auch noch keine konkreten Baumaßnahmen geben. Ähnlich ist die Situation an der Berufsfachschule für Holzschnitzer und Schreiner in Berchtesgaden. „Die Gebäude sind alt und an Räumen und Technik werden heute andere Anforderungen gestellt.“

Landrat: „Nicht ängstlich sein“

Der Landrat hob gleichwohl den hohen Stand der Ausbildung hervor. Im KFZ-Bereich etwa sei man mit einem starken Focus auf die E-Mobilität hervorragend aufgestellt und der Tourismus in der Region sei wieder stark ansteigend. „Wir wollen weiter nach vorne schauen und nicht ängstlich die Projekte zurück stellen, weil vielleicht die eine oder andere Unsicherheit herrsche. Die jetzige Struktur wird erhalten und weiter ausgebaut.“

20 Millionen für die Schulen

Für die Schulen Rottmayr-Gymnasium in Laufen, Sonderpädagogische Zentrum St. Zeno und das Karlsgymnasium in Bad Reichenhall sind insgesamt über 20 Millionen Euro Investitionen bis 2025 vorgesehen. Beim Karlsgymnasium werden aktuell vier Container im Erdgeschoss aufgestellt und nächstes Jahr sollen weitere vier als Obergeschoss folgen. Wie es mit den Unterrichten in den Schulen unter Auflagen und reduzierten Klassen weitergehe, könne man von Seiten des Landratsamtes nicht sagen. Das liege im Zuständigkeitsbereich des Bayerischen Kultusministeriums.

Auch für die Kunsteisbahn Königssee sind Mittel eingeplant. Für eine neue Bobgarage 270.000 Euro und für die Sanierung der Rodlerhalle des Olympiastützpunktes Berchtesgaden 4,5 Millionen Euro.

50 Millionen Schulden-Obergrenze

Der aktuelle Schuldenstand des Landkreises liegt bei 12 Millionen Euro. Die Obergrenze wurde in der letzten Kreistagssitzung von 40 auf 50 Millionen angehoben. Nicole Fegg, Leiterin des Finanzmanagements merkt dazu an: „Der niedrige Schuldenstand von 12 Millionen Euro ist darin begründet, dass manche Projekte zurück gestellt wurden. Von der Genehmigung der Mittel bis zur tatsächlichen Verwendung vergehen oft Jahre. Das wird allein schon bei der Dauer von der Planung bis zur Fertigstellung größerer Projekte wie Landratsamt oder Schulen deutlich.“

Für die Sanierung der Kreisstraßen (KS) für rund 14 Millionen Euro ist folgender Zeitplan vorgesehen: KS-BGL 1: 2020/21 – KS-BGL 12: 2023/24 – KS-BGL 4: 2024/25 – KS-BGL 3: ab 2026

Investitionen von 17 Millionen Euro angestoßen

– 417 Beratungen im Jahr 2019
– Landkreis investiert 96.408 Euro

Energiepolitik und Klimaschutz sind längst zur Chefsache geworden, auch auf Landkreisebene, wie Landrat Bernhard Kern in der jüngsten Sitzung des Kreissauschusses im Landratsamt Bad Reichenhall betonte. So wurde bereits 2016 die Energieagentur Südostbayern GmbH gegründet, deren Träger die Landkreise Berchtesgaden und Traunstein mit einer Beteiligung von jeweils 50 Prozent sind. Gefördert werden soll ein sparsamer, effizienter und klimafreundlicher Energieeinsatz. Der Kreisausschuss befasste sich mit dem Jahresabschluss für das Jahr 2019 und ermächtigte den Landrat, dem Abschluss auf der Gesellschafterversammlung zuzustimmen.

Foto (v.l.): Energiemanager Manuel Münch vom Landratsamt Berchtesgaden; Bettina Mühlbauer von der Energieagentur Südostbayern GmbH und Landrat Bernhard Kern.

Das Wirtschaftsjahr 2019 der Gesellschaft schloss mit einer Bilanzsumme von knapp 129.000 Euro ab. Im Betriebsergebnis nach Steuern steht ein Minus von 220.290 Euro. Damit wurde der Haushaltsansatz um 9.413 Euro überschritten. Als Defizitausgleich bewilligte der Kreisausschuss des Berchtesgadener Landes eine Nachzahlung von 4.120 Euro, zusätzlich der bereits bewilligten 92.288 Euro. Die noch fehlenden knapp 5.300 Euro übernimmt der Landkreis Traunstein. Der Kreistag stimmte dem Jahresabschluss für das Jahr 2019 einstimmig zu.

Die Prokuristin der Energieagentur Südöstbayern GmbH, Bettina Mühlbauer, begründete die zusätzlichen Kosten mit dem Wegfall von Leistungen und daraus resultierender Verluste bei den Einnahmen. Weggefallen seien etwa Einnahmen aus Gebühren für Weiterbildungen von rund 4900 Euro, eine Lücke von rund 10.700 Euro durch die Verzögerung von Förderprogrammen durch die Bayerische Staatsregierung und ein Mehraufwand für die Gewerbeschau „truna“ in Traunstein.

Die Energieagentur leistete 2019 im Bereich Fördermittel und Energie 417 Beratungen, woraus sich „theoretisch angestoßene Investitionsmaßnahmen“ von 17 Millionen Euro ergäben, führte Bettina Mühlbauer aus. Die Summe ergibt sich aus den persönlichen Angaben der Kunden, die in einem Rücklaufbogen jeweils ihre persönliche Einschätzung zu ihren möglichen Investitionen geben. Zusätzlich wurden noch 32 Veranstaltungen als Kooperationspartner und 17 eigene Veranstaltungen im Jahr 2019 geleistet. Bei allen Aktivitäten zählte die Agentur 224 Veröffentlichungsnachweise, die für die Kommunikation der Themen und Anliegen in der Öffentlichkeit von hoher Bedeutung sind, bekräftigte Mühlbauer.

Im kommunalen Energiemanagement begleitete die Agentur die Kommunen Tittmoning, Piding und Trostberg. Weitere Angebote im Bereich Weiterbildung und Klimaschutz runden die Leistungen ab. Auf 360 persönliche Einzelberatungen entfielen auf das Berchtesgadener Land 110 und auf den Landkreis Traunstein 250 Kundengespräche. Allein im Umfeld der regionalen Messe „truna“ ergaben sich 63 Beratungen. Im Bereich „Energieberatung und Öffentlichkeitsarbeit“ leistete die Agentur 17 eigene Veranstaltungen und begleitete weitere 32. Für den Bereich „Projektmanagement und Klimaschutz“ standen das Förderprojekt „Energiecoaching Plus“, kommunale Energieeffizienz-Netzwerke und zwei Veranstaltungen über „Energieeffizienz in Unternehmen“.

2020 steht für die Energieagentur Südostbayern GmbH die Suche nach einem neuen Geschäftsführer an. Aktuell betreut Alexandra Wolf vom Landratsamt Traunstein als Interimsgeschäftsführung diese Aufgabe. Verstärkt wurde die Agentur seit März durch eine Assistenzstelle und seit April mit einer Fachberatung, beide Stellen in Vollzeit. Auf einem guten Weg sieht man die Nachfrage nach Energieberatungen, die 2020 bereits um 12 Prozent angewachsen sind. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den telefonischen Beratungen, bedingt durch die Corona-Einschränkungen. In Frage stehen darum auch die Vortragsreihe „Mit regionaler Energie in die Zukunft“ und die Chiemgaumesse „MeinZuhause!“ in Trostberg. Es besteht die Hoffnung, dass diese Aktivitäten im Herbst wieder möglich sind. Die gesamte Planung für mögliche Veranstaltungen pausiere „Aufgrund von Corona“ auf absehbare Zeit. Im Arbeitsbereich „Projektmanagement Klimaschutz“ stehen unter dem Förderprojekt „Energiecoaching Plus“ die Betreuung von fünf Kommunen an. Beim „Kommunalen Energiemanagement“ verhandelt die Agentur aktuell über weitere Projekte.

Bürgertelefon: 6700 Anfragen in neun Wochen

– Zentrale Nummer am Landratsamt
– Vom Shutdown bis zum Startup

Die Diplom-Sozialpädagogin Petra Neubauer ist beim Landratsamt Berchtesgadener Land beschäftigt und an der Staatlichen Berufsschule Berchtesgadener Land in Freilassing für die Jugendsozialarbeit zuständig. In den letzten neun Wochen aber verlegte sie ihren Arbeitsplatz direkt in das Landratsamt in Bad Reichenhall und arbeitete für das Bürgertelefon der Führungsgruppe Katastrophenschutz. Der Umgang mit Menschen, ihren Nöten und Anliegen ist ihr vertraut und so war sie zusammen mit weiteren Kolleginnen Ansprechpartnerin für das Bürgertelefon, wo vom 16. März bis zum 17. Mai Ratsuchende in der Coronakrise Hilfe fanden. Insgesamt nutzen 6700 Anrufer diesen Service, an Spitzentagen waren es über 600 Anrufe täglich und bis zu vier Telefonplätze besetzt.

Entlastung für das Gesundheitsamt

Viel Hilfe in der Corona-Krise leistete das Landratsamt Berchtesgadener Land. Von links: FüGK-Leiter Thomas Schmid, Diplom-Sozialpädagogin Petra Neubauer, stv. Pressesprecher Stefan Neiber,

Für Thomas Schmid, Leiter der Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) am Landratsamt eine unverzichtbare Einrichtung. „Wir haben das Bürgertelefon mit bis zu vier zeitgleich besetzten Arbeitsplätzen zum ersten Mal im Januar 2019, als die großen Schneemengen vor allem im südlichen Landkreis den Katastrophenfall auslösten, eingerichtet. Das Landratsamt mit seiner zentralen Nummer wäre mit der Vielzahl der Anrufe jetzt zur Corona-Pandemie ebenso überfordert gewesen, wie das Gesundheitsamt.“

Am Tagesbeginn stand für Petra Neubauer und ihr Team zuerst eine kurze Besprechung mit den Bereichsleitern an, um immer auf dem ganz aktuellen Stand zu sein. Die Diplom-Sozialpädagogin erinnert sich an den ersten Tag. Ministerpräsident Markus Söder hatte am 16. März die verhängten Maßnahmen der Bayerischen Staatsregierung zur Eindämmung des Virus beschlossen und in einer Erklärung über die Medien verbreitet. „Sofort liefen bei uns die Telefone heiß. Es war ja quasi ein Vorgriff auf den Shutdown, der eine Woche später erfolgte. Wir waren zu dieser Zeit im Detail nicht informiert, es war schwierig. Künftig aber ließen wir keine Regierungserklärung des Ministerpräsidenten zu den Maßnahmen aus.“

Wie funktioniert die Gesundheitskette

„Es waren vor allem die mehrfachen Änderungen, von der Verschärfung im Lockdown und die langsame Lockerung, die häufig zu Fragen und Verunsicherungen führten,“ erzählt Petra Neubauer. „Besonders in den ersten Wochen meldeten sich Bürger, die sich bereits bei Halsschmerzen oder einer leichten Erkältung sorgten an dem Virus Covid-19 erkrankt zu sein. Es herrschte auch noch Unsicherheit, wie die Gesundheitskette funktioniert, etwa ob nun der Hausarzt konsultiert werden soll oder nicht.“

Ein besonderer Fall war für Neubauer etwa der Anruf einer älteren Dame, die unter Einsamkeit litt und sich mit einer guten Bekannten auf eine Tasse Kaffee treffen wollte. „In der Wohnung war das bei der Kontaktbeschränkung zu der Zeit nicht möglich. Wir haben ein Treffen im Kurpark arrangiert.“

„Wichtig war für diese Zeit im Landratsamt immer den richtigen Ansprechpartner zu haben. Das schaffte Vertrauen und gibt Sicherheit,“ ergänzt Stefan Neiber, stellvertretender Pressesprecher des Landratsamtes. Die Fragen rund um die Beschränkungen und Lockerungen um die Corona-Pandemie sind ein Spiegel der letzten Wochen. „Viel Unmut rief etwa die Sperrung der Wanderparkplätze hervor. Es gab zu dieser Zeit die einzigen Anrufe, bei denen die Anrufer persönlich wurden, ihren Unmut freien Lauf ließen“, erinnert sich Neubauer.

Nur mit Liebesbrief nach Salzburg

In den letzten Tagen gab es noch viele Fragen zur Öffnung der Grenzen, wann, wie und wo man nach Salzburg fahren darf. „Dabei gibt es aktuell eine Besonderheit,“ erzählt die Sozialpädagogin schmunzelnd. „Einen Freund oder eine Freundin darf man nur mit einem „Liebesbrief“ besuchen, als eine Art persönlicher Einladung. Auch müsse mit der gemeldeten Adresse nachgewiesen werden, dass die Person auch in Österreich wohnhaft ist.“

Mit der Zeit habe man ein gutes Gespür für die Menschen und diese besondere Situation entwickelt. Selbst nach Dienstschluss oder an freien Tagen hielten sich die Mitarbeiter vom Bürgertelefon über die aktuellen Entwicklungen am Laufenden. Manche Anrufer suchten kurze und schnelle Auskunft, andere brauchten Zeit, jemanden zum Reden. „Auch die haben wir uns genommen“, versichert Neubauer.

Kein Fall in den Asylunterkünften

Thomas Schmid freut sich, dass es in den Asylunterkünften im Landkreis keinen Coronafall gegeben hat. Vorsichtig optimistisch blickt er in die Zukunft. „Nachdem jetzt die Gastronomie unter Einschränkungen wieder geöffnet ist, folgen am 30. Mai die Hotels und damit läuft der Tourismus vorsichtig wieder an. Am 15. Juni sind auch die Grenzen nach Österreich und in andere EU-Länder wieder offen. Wir hoffen die Lage entspannt sich weiter und wir erleben keine zweite Welle“, so der FüGK-Leiter. Dann aber sei man gut gerüstet und mit ausreichend Material versorgt, ergänzt er.

Geholfen habe das gut eingespielte Team im Katastrophenschutz, das die letzten Jahre bereits mehrere Male aktiv war. Das ermöglichte schnelle Hilfe, vor allem dort wo sie nötig war, etwa bei den Senioreneinrichtungen. Rettungskräfte, Feuerwehr und THW haben ‚Hand in Hand‘ gearbeitet, ebenso alle weiteren beteiligten Kräfte wie die Bayerische Polizei, Bundespolizei, Bundeswehr und alle Mitglieder der Führungsgruppe Katastrophenschutz am Landratsamt.

Schnelle Hilfe über die Organisationen hinweg

„Eine gute Logistik ist eine Sache und absolut notwendig. Eine schnelle Umsetzung über verschiedene Organisationen hinweg eine ganz andere. Das aber funktioniert hervorragend. Wir treffen uns als Team vom Katastrophenschutz mehrmals im Jahr führen auch gemeinsame Übungen durch. Letztlich aber ist man auf meterhohe Schneemassen oder auf dreimonatige Ausnahmesituationen wie jetzt bei der Corona-Pandemie nicht wirklich vorbereitet. Was zählt ist ein schnelles und gutes menschliches Miteinander.“

Für Petra Neubauer geht der Arbeitsalltag jetzt wieder in der Berufsschule Freilassing weiter. „Das ist irgendwie durchgesickert und am ersten Tag fragten gleich fünf Schüler um ein persönliches Gespräch an. Die Folgen von Corona, der Isolation und Wegfall des öffentlichen Lebens bis hin zum Shutdown der Sportvereine, zeigt Spuren bei den jungen Menschen. Zwei von ihnen erzählten von einem richtigen Corona-Kollaps nach zwei Wochen. Ich bin gespannt, was da noch auf mich und unsere Gesellschaft zukommt.“

„An Urlaub ist in diesen Wochen nicht zu denken“

– Landrat Bernhard Kern zwei Wochen im Amt
– Die laufenden Geschäfte weiter voran bringen

Landrat Bernhard Kern ist gerade mal seit zwei Wochen im Amt und hat längst einen vollen Terminkalender. Vieles drehte sich natürlich um die aktuelle Entwicklung der Situation um den Coronavirus, wo das Landratsamt die zentrale Steuerungsstelle des Krisenstabes ist. Jeden Tag ist eine Besprechung in der Führungsgruppe Katastrophenschutz, der FüGK, angesetzt. Schon im April war Bernhard Kern mehrfach bei den Sitzungen des FüGK dabei, pendelte häufig zwischen dem Rathaus in Saaldorf-Surheim und dem Landratsamt. „An Urlaub war und ist in dieser herausfordernden Zeit nicht zu denken“, bekennt Kern. „Glücklicherweise entspannt sich die Situation jetzt“, ergänzt er.

Bernhard Kern ist überzeugt von der Kraft des Teams, das aus Ärzten, Gesundheitsexperten aus den Kliniken, Helfern der Freiwilligen Feuerwehr, den Rettungsdiensten, der Bundeswehr und der Landes- und Bundespolizei besteht. Eine zentrale Rolle in der Coronakrise nimmt das Bürgertelefon ein, bei dem an Spitzentagen bis zu 360 Anrufe eingingen. Vier Mitarbeiterinnen des Landratsamtes nahmen sich der Nöte und Sorgen an. Ergänzend dazu ist eine „Corona-Hotline“ der Bayerischen Staatsregierung geschalten.

26 Jahre lang ein Teamleader

Der neue Landrat Bernhard Kern macht einen entspannten Eindruck bei unserem Gespräch, hat den Termin kurzfristig zwischen rein geschoben. Sechs Jahre als Bürgermeister von Saaldorf-Surheim und 20 Jahre Selbständigkeit haben ihm einen guten Umgang mit Stress gelehrt. Er pflegt eine offene Kommunikation und setzte dafür ein erstes Zeichen. Alle kommunalen Verwaltungen des Landkreises erhielten eine aktuelle Liste mit den Kontaktdaten und Ansprechpartnern für die einzelnen Bereiche im Landratsamt.

„Bei allen Kommunen werden die gleichen Fragen gestellt, vor allem jetzt im Hinblick auf die Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Da ist es hilfreich zu wissen, wo man anrufen kann, und bei Bedarf wird die entsprechende Nummer an den Bürger weitergegeben. Sie ist zwar auch so zu finden, doch ein wenig Hilfe dabei schadet nicht und die Menschen sollen wissen, dass wir als Behörde für sie da sind.“

Hilfe durch BGLT und Wirtschaftsservice

Auch wenn sich die Lage insgesamt beruhigt, so nimmt sie in der Hotellerie und Gastronomie sowie bei vielen Wirtschaftsbetrieben an Dramatik zu. Landrat Bernhard Kern ist dankbar für die BGLT (Berchtesgadener Land Tourismus GmbH) und den Wirtschaftsservice des Landkreises. „Hier gibt es eigene Hotlines und die Bedarfe nach Hilfe und Unterstützung sind hoch. Erst am Mittwoch gab es ein enges Krisengespräch mit den Geschäftsführern und auch ein Treffen mit den Bürgermeistern des Landkreises. Das alles gehört zu den festen Terminen von Bernhard Kern.

„Im Hintergrund laufen zudem sämtliche anderen Bereiche weiter“, so der Landrat und nennt Verkehrsprojekte wie das Alltagsradwegenetz, Nahverkehr, ÖPNV und Schiene. „Klimaschutz und die Energiebilanz des Landkreises werden voran getrieben und natürlich kümmern wir uns um die Schulen“, ergänzt Kern. Selbst der Neubau des Landratsamtes braucht eine Neubewertung des Raumkonzeptes. „Die Krise hat uns gezeigt, dass viel mehr Homeoffice möglich ist, als viele geglaubt haben. Nach anfänglicher Skepsis hat sich das gut eingespielt.“

Der Alltag muss auch
im Landkreis wieder anlaufen

Im März 2020 war die Wahl um den neuen Landrat im Berchtesgadener Land noch nicht entschieden. Bernhard Kern zeigte sich zuversichtlich.

Verstärkt werde künftig die Besetzung des Gesundheitsamtes. „Der Leiter fiel in den letzten Wochen aus, seine beiden Vertreter aber haben einen guten Job gemacht. Es wird hier Neubesetzungen geben und darüber hinaus die Stelle eines Veterinärs geschaffen“, informiert Bernhard Kern.

Den Mitarbeitern des Landratsamtes stellt er ein gutes Zeugnis aus. „Das Haus ist gut bestellt, die Bediensteten arbeiten konstruktiv zusammen. Wichtig ist, dass am Ende etwas Sinnvolles und Zielführendes heraus kommt, und das tut es in der Regel. Die Chemie untereinander stimmt.“

Die Grenzöffnung muss noch warten

Kaum sind wir mit unserem Interview fertig, bricht Bernhard Kern zu einem nächsten Treffen mit dem Landrat von Traunstein auf. Persönlich hat er sich bereits in der Causa Grenzöffnung an das Innenministerium sowie an die Bayerische Staatsregierung gewandt und steht auch mit Landesrat Stefan Schnöll im engen Kontakt.

Die Gastronomie braucht eine zeitliche Perspektive

  • Ohne Planungssicherheit keine Zukunft ‚
  • Handel und Gastronomie in einem Boot

In Österreich leuchtet für die Gastronomie ein Licht am Ende des dunklen Corona-Tunnels. Ab 15. Mai öffnen Restaurant und ’sonstige Gastronomiebetriebe‘ wieder, wenn auch mit einigen Auflagen. In Bayern hingegen herrscht nach Aussage von Ministerpräsidenten Markus Söder noch völlige Unklarheit darüber, wann und unter welchen Restriktionen die Gastronomie wieder öffnen darf. Für den Vorsitzenden des Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA-Bayern im Berchtesgadener Land, Johannes Hofmann, ein untragbarer Zustand.

Johannes Hofmann trägt auch zu Besprechungen im Büro einen Mundschutz gemäß dem Motto „Safety first“.
Johannes Hofmann trägt auch zu Besprechungen im Büro einen Mundschutz gemäß dem Motto „Safety first“. – Foto: Gerd Spranger

„Die Branche braucht für die Vorplanung ausreichend Zeit. Wenige können einfach spontan nächste Woche aufsperren und alle Waren sowie das Personal stehen bereit. Besonders gravierend ist die Unsicherheit bei der Ausflugsgastronomie. Diese Unsicherheit der Planbarkeit ist unzumutbar.“ Aktuell sind im Landkreis etwa 15 Prozent der Betriebe so heftig betroffen, dass mit jeder Woche Verlängerung der Gastrosperre die endgültige Betriebsschließung immer wahrscheinlicher werde.

„Es wird eine zweite Pleitewelle geben“

„Wir werden zum Jahresende hin eine zweite Pleitewelle erleben“, prophezeit Johannes Hofmann und begründet: „In den Monaten Oktober bis März, vom Weihnachtsgeschäft einmal abgesehen, erwirtschaftet das Hotel- und Gaststättengewerbe in unserer touristisch geprägten Region kaum Gewinne. Wird erst im Juni wieder aufgesperrt, wie von Markus Söder angekündigt, fehlt das Geschäft von Ostern, Pfingsten und das halbe Sommergeschäft, denn es wird etwas Zeit brauchen, bis wieder alles anläuft. Ab Oktober droht dann die nächste Flaute.“

Ein positives Lebensgefühl für die Innenstadt

Darüber hinaus sitzen für Hofmann der Handel und die Gastronomie im gleichen Boot. Nur gemeinsam könne man es aus der Krise schaffen. „Niemand geht ausschließlich zum Einkaufen, schon gar nicht in die Innenstädte, in die Fußgängerzonen. Da zählt das Gesamterlebnis, das Lebensgefühl, dem mit der Maskenpflicht auch so schon ein schwerer Schlag versetzt wurde. Nur der Handel in Verbindung mit einer lebendigen Gastronomie schaffen diesen Erlebnisraum Innenstadt. Mit jeder Woche die wir verlieren verspielen wir ein Stück unserer Zukunft. Aktuell werden ja die ganz großen Industrien wie Lufthansa oder die Autobranche mit Milliarden Euro im dreistelligen Bereich vor dem Bankrott bewahrt. Doch ohne die vielen kleinen Geschäften, ohne einen Mittelstand mit bis zu 30 Beschäftigten, die in der Regel auch ausbilden, kann unsere Gesellschaft nicht überleben.“

Soforthilfen halten der Realität nicht stand

Und das bringt den BHG-Vorsitzenden Johannes Hofmann zu einem nächsten Punkt. „Die schnellen Versprechen nach großzügigen Soforthilfen halten der Realität nicht stand. Letztlich sind es die Hausbanken, die darüber entscheiden. Und die sind eng an die strengen Standards von Basel III und die BaFin (Bankenaufsicht) gebunden. Im Klartext heißt das, dass jemand, der aufgrund des Ratings seiner Kreditwürdigkeit kein Darlehen erhält, es auch nicht durch die großzügig versprochenen staatlichen Garantien bekommt.“ Helfen habe der BHG und Hofmann selbst dennoch einigen Kollegen, darunter auch viele mit ausländischen Wurzeln, die sich bei den Anträgen und Regularien nicht zurecht fanden oder generell eine Scheu vor staatlichen Behörden empfinden. Viele würden auch schon sechs Wochen auf bewilligte Gelder warten, ohne dass bislang ein Eingang verzeichnet wurde.

Wirtshaussterben auch ohne Coronakrise

Zur Gesamtsituation merkt er an, dass es in Bayern auch vor der Krise bereits 500 Ortschaften gegeben habe, in dem es keine gewerblich geführte Gastronomie mehr gebe. Einzig die Vereinsgastronomie floriere, während das Wirtshaussterben die letzten zehn Jahre weiter an Fahrt aufgenommen habe. Dabei würden auch heute noch rund 75 Prozent der Betriebe in der Familie geführt. „Das begünstigt natürlich die Personalsituation und meist auch die Kapitaldeckung.“

Keine unternehmerische Freiheit mehr

Selbst hat Johannes Hofmann nach seiner Kochlehre, einjähriger Hotelfachschule und vieler Weiterbildungen 1985 seinen ersten gastronomischen Betrieb in Deutschland geführt. „Damals konnte man mit 30.000 DM anfangen, heute braucht man oft das Vierfache an Kapital. Damals gab es kaum Alkoholkontrollen und kein Rauchverbot. Damals gab es kaum Auflagen zum Brandschutz, der Hygieneverordnung und Dokumentationspflicht. Zurecht konnte man von „Unternehmerischer Freiheit“ sprechen. Das hat sich grundlegend geändert und erschwert auch ganz ohne Corona die Rahmenbedingungen der Branche erheblich.“ Ab 20 Mitarbeiter etwa brauche man heute eine eigene Bürokraft in Vollzeit plus Steuerberater, um allenVorgaben gerecht zu werden. Entbürokratisierung sieht anders, aus argumentiert Hofmann weiter.

BHG-Kreisvorsitzender Johannes Hofmann fordert:

Sperrt die Gaststätten und Biergärten sobald wie möglich auf
Informiert die Branche rechtzeitig
Keine Unterscheidung nach Betriebsgröße
Die Branche ergreift alle erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen
Die Betriebe gehen verantwortungsvoll mit den Auflagen um.
Zum 1. Juni muss es eine Neubewertung der Situation geben.
Einheitlicher zeitlich unbeschränkter ermäßigter Mehrwertsteuersatz für Hotellerie und Gastronomie.

Eine Hinwendung zu bleibenden Werten

18 Jahre Landrat Georg Grabner
Was hat ihn bewegt?

Noch bis ersten Mai ist Landrat Georg Grabner im Amt, dann übergibt er nach 18 Dienstjahren offiziell an seinen Nachfolger Bernhard Kern. Die Redaktion hat nachgefragt. Was bewegt ihn aktuell und was ist ihm in seiner Amtszeit besonders wichtig geworden.
Ganz am Ende des Interviews wird Georg Grabner persönlich, gibt viel von dem Menschen hinter dem Landrat preis. Nichts habe ihn persönlich so sehr getroffen wie das Eishallenunglück am 2. Januar 2006.

Nach 18 Jahren endet am ersten Mai für Georg Grabner seine Zeit als Landrat des Berchtesgadener Landes. Er übergibt an Bernhard Kern. – Foto: Gerd Spranger

„In einer solchen Situation steht man im Spannungsfeld tiefster Betroffenheit über das Unglück, das Leid der Angehörigen und der Notwendigkeit, einen klaren Kopf für wichtige Entscheidungen bei der Bewältigung des Katastrophenfalls zu bewahren. So musste ich damals etwa mitten in den Bergungsarbeiten für mehrere Stunden einen Stopp verordnen, weil die Sicherheit für die Rettungskräfte nicht mehr gegeben war. Es drohte ein weiterer Einsturz.“

Grabner musste das Leben noch etwaiger Verschütteter mit dem der Einsatzkräfte abwägen. Die Sachverständigen konnten nicht ausschließen, dass sich noch Verschüttete unter den Trümmern befinden, und durften darüber hinaus das Leben der Einsatzkräfte nicht gefährden. „Die ganze, über Tage angespannte Situation, erlebten ich und der Führungsstab des Katastrophenmanagements wie in einem Film, fast surreal, wir standen unter Dauerstress und höchster Anspannung.“

Engagieren für die Hospizbewegung

Eine Erfahrung, die nachwirkte bei Georg Grabner, nicht nur in der Bewältigung der aktuellen Krise. Er will sich nach seiner aktiven Zeit als Landrat in der Hospizbewegung engagieren. „Bereits 2005, als in München die ersten Palliativstationen ihre Arbeit aufnahmen, ist es mit enormer Unterstützung von Dr. med. Birgit Krause-Michel gelungen, so eine Palliativstation im Reichenhaller Krankenhaus einzurichten. Dort, wo die ärztliche Kunst ihre Grenzen findet, lebenserhaltende und operative Maßnahmen nicht weiterhelfen, ist die Würde des Menschen bis hin zum Tod ein heiliges Gut. Es ist unser letzter Lebensabschnitt. Ich denke mit Grauen daran, wie in früheren Jahren sterbende Menschen irgendwohin, einsam in eine Kammer geschoben wurden, weil man den Tod niemandem zumuten wollte.“

Inspiriert habe ihn dabei besonders das Engagement von Alois Glück. Der Ex-Landtagspräsident baute im Landkreis Traunstein und später auch im Landkreis Berchtesgadener Land das Netzwerk Hospiz auf, und nur zwei Jahre nach der Eröffnung der ersten stationären Palliativstationen in Deutschland, besuchten ausgebildete „Brückenschwestern“ ambulant die Schwerkranken nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus zuhause. Vorläufiger Höhepunkt in der Region wird die Eröffnung der Klinik Chiemsee-Hospiz sein. Eine Klinik der drei Landkreise Rosenheim, Traunstein und Berchtesgadener Land sowie die Stadt Rosenheim in Bernau am Chiemsee.

Leben und Tod stehen eng zusammen

Wie eng Leben und Tod zusammen stehen, zeigt die aktuelle Krise deutlich. Sie ist noch nicht vorbei und auch das Berchtesgadener Land steht mitten drin. Dabei ist Landrat Georg Grabner Chef des Krisenstabes, bis er am ersten Mai an seinen Nachfolger Bernhard Kern übergibt, der schon jetzt im vollen Umfang im Team eingebunden ist. Grabner trifft sich täglich mit Vertretern der Katastrophenschutzbehörde und Experten des Gesundheitswesens. Die örtlichen Einsatzleiter stehen im engen Austausch miteinander (wir berichteten). „Durch die Erfahrungen der letzten Katastrophen, vor allem durch den massiven Schneeeinbruch im Januar 2019, sind wir ein eingespieltes Team. Das hilft in der Krise, in der man gute Nerven braucht und einen kühlen Kopf bewahren muss.“

Durch die Krise helfen ebenso gut funktionierende

Kreiskrankenhäuser, die es, so ist sich Landrat Georg Grabner sicher, „heute aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen nicht mehr in kommunaler Trägerschaft gäbe, wenn man nicht bereits vor vielen Jahren mit enormen Anstrengungen die Strukturen angepasst und im Jahr 2009 die Kreiskliniken Bad Reichenhall, Berchtesgaden und Freilassing mit den Kreiskliniken in Traunstein und Trostberg zur „Kliniken Südostbayern AG“ fusioniert hätte. Über 42,5 Millionen Euro Eigenmittel investierte der Landkreis von 2002 bis einschließlich 2019 in seine Kreiskliniken. „Natürlich sind wir heute mehr denn je froh, über eine funktionierende kommunal geprägte Struktur“.

Ein weiterer Baustein, der sich jetzt in der Krise bewährt, ist die seit 2015 bestehende Stabsstelle Gesundheitsregion-Plus im Landratsamt. Die Zusammenarbeit der Akteure im Gesundheitswesen wird über diesen Weg seit Jahren gefördert und verstärkt. Die Sicherstellung der wohnortnahen, medizinischen Versorgung sowie die Verankerung von Gesundheitsförderung und Prävention stehen dabei im Mittelpunkt.

45 Millionen Euro für die Bildung

Die Förderung von Bildung, Wirtschaft und Handwerk war Landrat Georg Grabner immer ein Anliegen.

Ein besonderes Herzensanliegen ist Landrat Grabner seit Beginn seiner Amtszeit die Förderung der Bildung im Landkreis. Im Bereich der Bildung lag der absolute Schwerpunkt der Investitionen, und hier vor allem für die Schulen, nämlich 45 Millionen Euro. „Da gab es zwar staatliche Zuschüsse, dennoch waren dies in Summe die größten und wichtigsten Investitionen. Das zeigt der Erfolg, der uns ganz offiziell zur Bildungsregion geführt hat.“ Georg Grabner nennt dabei das Schülerforschungszentrum zusammen mit der Technischen Universität München für die MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) ) als Leuchtturmprojekt weit über die Landkreisgrenzen hinaus, aber auch die Investitionen in die Gymnasien, die Realschule sowie die Berufsschule. Besonders zu erwähnen sei die Berufsschule Plus. Sie ermöglicht einen Berufsabschluss mit dem gleichzeitigen Erwerb des Fachabiturs „Wir haben uns da ein wenig was von Österreich abgeschaut, wo seit Jahrzehnten erfolgreich die berufliche Ausbildung mit der Matura verbunden ist. Das System hat sich auch bei uns bewährt, so dass wir damit zur Modellregion für ganz Bayern geworden sind.“

Vieles rückt in der Coronakrise in den Hintergrund, scheint an Bedeutung zu verlieren. Umso wichtiger ist es darum in der Krise selbst, und auch in der Zeit danach, auf gute Strukturen aufbauen zu können. So freut sich Landrat Georg Grabner etwa einen schuldenfreien Landkreis an seinen Nachfolger übergeben zu können und erinnert: „Zwischendurch hatten wir einen Schuldensaldo von 43 Millionen Euro und noch große Projekte vor uns.“ Zugleich verweist er auf die Erstellung eines Klimaschutzkonzeptes, die Einstellung eines Klimaschutzmanagers, die Erstellung eines Energienutzungsplanes für den gesamten Landkreis sowie die Gründung einer Energieagentur zusammen mit dem Landkreis Traunstein.

„Noch zur Jahreswende hat es ein einziges beherrschendes Thema gegeben, und das war der Klimawandel. Auch hier haben wir unsere Hausaufgaben gut, ja sehr gut gemacht“, ist Grabner überzeugt. „Der Energienutzungsplan Berchtesgadener Land setzt in der kommunalen Energieplanung bis heute bayernweite Standards, ist Musterbeispiel einer digitalen und innovativen kommunalen Energieplanung.“

Wirtschaftsservice ist stark gefragt

Viel Arbeit bekommt aktuell die Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice GmbH. Die Telefone stehen kaum still. Es herrscht Angst und große Verunsicherung bei den Unternehmen. Wie soll es weiter gehen? Sechs Wochen behördlich verordneter Stillstand sind eine lange Zeit. In der Hotellerie und Gastronomie ist kein Ende abzusehen. „Noch vor meiner Zeit als Landrat hatte ich im Kreistag einen Antrag auf die Gründung einer Wirtschaftsagentur gestellt, die wir dann 2002 mit einem Geschäftsführer und einer Halbtagskraft eröffnen konnten. Heute haben wir neben dem Geschäftsführer noch zehn Fachkräfte mit im Team“, freut sich Georg Grabner über den Erfolg der Einrichtung.

Eines der großen Projekte der letzten Jahre, nämlich die Fortschreibung des Nahverkehrsplanes für den Landkreis, für den 2018 ein eigenes Mobilitäts-Gutachten erstellt wurde, wird der neue Landrat Bernhard Kern zum vorläufigen Abschluss bringen. „Die Weichen dafür sind gestellt, die Verwaltung mit dem Verkehrsmanager,

dessen Stelle 2007 neu geschaffen wurde, sowie der Kreistag haben dafür schon vieles auf den Weg gebracht. Es geht jetzt um die konkrete Umsetzung, von der Verbesserung des ÖPNV bis hin zum Alltagsradwegenetz und der Steigerung der Elektromobilität. Das wird weiterhin eines der großen künftigen Themen bleiben.“

Der Geschichte auf der Spur

Alt-Landrat Georg Grabner wird sich dann bei der Senioren-Uni 55plus an der Universität Salzburg eingeschrieben haben, wenn die Grenzen in den nächsten Monaten wieder öffnen. Ein Studium der Geschichte liegt ihm am Herzen. „Unsere Region, das Berchtesgadener und Salzburger Land, sind seit dem frühen Mittelalter immer wieder in den Focus europäischer Machtpolitik gerückt, im Ringen zwischen kirchlicher und weltlicher Macht. Vor allem der Reichtum des Salzes waren dabei ein begehrtes Gut. Wir finden dazu noch heute viele Zeugnisse in unserer Region. Ich freue mich darauf, mehr zu den Hintergründen zu erfahren.“

So geht Landrat Georg Grabner nach eigenen Worten ohne „hochtrabende Pläne“ in den Ruhestand. „Die Coronakrise findet hier vielleicht die einzig positive Auswirkung. Wir sind in unserem Alltag alle zum ‚Inne-Halten‘ gezwungen worden. Entschleunigung war auch zuvor schon ein geläufiger Begriff. Wir haben dies jetzt aber zwangsweise und eindrücklich erlebt und neu erfahren müssen. Vielleicht bringt das auch eine positive Wende mit sich, hin zu mehr Regionalität und hin zu unseren Mitmenschen.“

Interview: Gerd Spranger

Kur-GmbH reagiert auf die Krise

– Im Gespräch mit der Kurdirektorin Gabriella Squarra –

Magistra Gabriella Squarra, GF Kur-GmbH

Als die Kur-GmbH Angang März den Ostermarkt im Königlichen Kurhaus von Bad Reichenhall wegen Corona absagte, war der Virus für viele Menschen noch weit weg. Dass nicht nur die Aussteller und rund 3000 Gäste wegbleiben, sondern bald das öffentliche Leben in Bad Reichenhall nahezu stillstehen würde, hätte wohl kaum jemand vorausgesagt.

Für Geschäftsführerin Mag. Gabriella Squarra eine Zensur: „Wir waren schon damals in sehr engen Kontakt mit dem Gesundheitsamt. Der Markt hätte zu viele Menschen auf zu engen Raum mit sich gebracht. Es folgten die Absage der Konzerte der Philharmonie und in Folge aller Veranstaltungen der Kur-GmbH für die nächsten zwei Monate.“ Zuletzt folgte die Schließung der Rupertustherme vor einer Woche und aktuell die Schließung des Stellplatzes für Wohnmobile. Der Urlaub ist abgesagt, Urlaubsverbot.

Das alte Königliche Kurhaus, direkt am Kurpark gelegen, bleibt über Wochen geschlossen. Alle Veranstaltungen, Seminare und Tagungen wurden abgesagt – Fotos: Gerd Spranger

Kein Job für Minijobber
und 90 Mitarbeiter in Kurzarbeit

Dennoch läuft der Betrieb bei der Kur GmbH mit 216 Mitarbeitern, davon 80 ‚Minijobber‘, weiter. Allein 90 Mitarbeiter entfallen auf die Therme, die jetzt in Kurzarbeit beschäftigt sind. Zur Kur-GmbH zählen die Kurgärtnerei, der Betriebshof, das Gebäudemanagement und auch die Rupertustherme. „Wir haben die Maßnahmen mit allen Beschäftigten, dem Betriebsrat und der Gesellschafterversammlung eng abgestimmt und beschlossen,“ informiert Squarra. Ansonsten versucht man aus der Not eine Tugend zu machen. Überstunden und Urlaube werden abgebaut und anstehende Arbeiten an den Gebäuden vorgenommen, soweit es möglich ist.

Flexibel werden die Mitarbeiter der Kur-GmbH in Bad Reichenhall eingesetzt, auch zu allfälligen Reinigungsarbeiten.

Kurhaus, Konzertrotunde, Kurgastzentrum

„Nicht alles können wir vorziehen. Teilweise müssen wir erst Ausschreibungen vornehmen und nicht immer sind kurzfristig Handwerksbetriebe verfügbar“, schränkt Gabriella Squarra ein. So führt die Therme bereits jetzt die Revisionsarbeiten durch, die eigentlich erst in ein paar Monaten auf dem Plan standen. „Vieles muss organisiert und umdisponiert werden, wir tun was wir können.“ Die Konzertrotunde etwa ist gewöhnlich im Dauerbetrieb, ebenso das Kurgastzentrum. Jetzt sind die Gebäude fast menschenleer, ideale Bedingungen für Renovierungsarbeiten. Verzichten müssen wir alle auf die schönen Konzerte der Bad Reichenhaller Philharmonie.

Keine Konzerte im königlichen Kurgarten von Bad Reichenhall. Einsam und verlassen sitzt der Flötenspieler vor den leeren Bänken

Investitionen in den Brandschutz
und in Sicherheitskonzepte

Ein weiterer großer Bereich sind fällige Brandschutzmaßnahmen, das Sicherheitskonzept und die Schulung von Mitarbeitern. „Hinter den Kulissen leisten wir viel für eine erfolgreiche Begleitung von Veranstaltungen. Es reicht vom Arbeitsschutz bis zum Brandschutz, von der Veranstaltungstechnik bis zum Gebäudemanagement und hin zu umfassenden Dokumentationen und deren Bestätigungen.“ So durchlaufen die Mitarbeiter vom Service-Center Veranstaltungen jetzt ein Coaching mit einem externen Trainer, um Schwachstellen zu beheben. Die Wochen der Coronakrise werden genutzt. Eine Qualitätsoffensive für anspruchsvolle Veranstaltungen im Test- und Rollenspiel. „Sicherheiten sollen geschaffen und Eigenverantwortung gestärkt werden“, hebt Squarra hervor.

Selbst die Rupertustherme in Bad Reichenhall ist seit 17. März geschlossen und aktuell ebenso der Stellplatz für Wohnmobile – Urlaubsverbot!

Verträge mit 70 Dienstleistern, geringfügig Beschäftigten und freien Mitarbeitern sind aktuell ausgesetzt. Bei den Festangestellten arbeiten einige wenige im Homeoffice. In den Büros rückt man auseinander, es wird auf Abstand geachtet, die Büros teilweise nur mit einer Kraft besetzt. Kurgärtnerei, Betriebshof, Gebäudemanagement und Therme arbeiten über die Abteilungen hinweg im flexiblen Personaleinsatz. „Wenn die Saison wieder anläuft, die Gäste und Urlauber wieder anreisen, dann haben wir die Zeit während der Coronakrise bis dahin gut genutzt.“

Squarra: „Die Ministerien handeln entschlossen“

Neue Verhaltensregeln für den Kurpark in Bad Reichenhall

„Betriebshof und Gärtnerei haben aktuell Hochkonjunktur. Im beginnenden Frühjahr bereiten wir den Sommer vor und auch in der Therme gilt es, die Außenanlagen zu pflegen. Überhaupt, „es macht keinen Sinn, den Sommer schon jetzt abzusagen. Wir wollen bereit sein, wenn die Saison und das Geschäft wieder anläuft.“

Kurdirektorin Gabriella Squarra beurteilt das entschlossene Handeln von staatlicher Seite positiv. „Ich habe den Eindruck, das System funktioniert, von oben nach unten und ist durchlässig, so dass Hilfe auch ankommt. Das gute Zusammenwirken der Ministerien untereinander hilft pragmatisch schnell und lässt mich für die Zukunft hoffen.“ Bad Reichenhall habe dabei gute Chancen, sich als ein Ort der Gesundheit und Revitalisierung zu positionieren.

Der Lebensmittelhandel und die Corona-Krise

Berchtesgadener Land: Der Handel, speziell der Lebensmittelhandel rückte als Säule unserer Gesellschaft noch nie so stark in den Focus wie heute. Ängste um die Zukunft führen in fast allen Märkten zeitweise zu leeren Regalen, vor allem bei Hygieneartikel, Nudeln und Mehl. Wir Verbraucher wollen uns absichern, wollen Sicherheit, sollte uns das Los einer mehrwöchigen Quarantäne bei Ansteckung treffen. Die Redaktion hat sich bei den Märkten umgehört. Welche Erfahrungen hat man gemacht, wie wird die aktuelle Lage zu Covid-19 beurteilt?

Für Dieter Schönwälder vom Rewe-Supermarkt in Berchtesgaden-Schönau habe sich die Situation bereits wieder entspannt. Verantwortlich für die leeren Regale und die Engpässe beim Nachschub und Auffüllen der Regale sieht er die Politik und die Medien mit Hiobsmeldungen zum Coronavirus Covid-19. „Wenn die schlechten Nachrichten nicht abreißen, sich die Maßnahmen immer weiter verschärfen und sich in den Medien und sozialen Netzwerken Fotos von leeren Regalen häufen, kann man den Verbrauchern keinen Vorwurf machen.“

Der ganz große Run, wie noch vor wenigen Tagen, ist vorbei. Es gibt nur noch wenige „Hamsterkäufe“ in der Coronakrise.

Michael Dorrer, Betreiber mehrerer Edeka-Märkte im Berchtesgadener Land, zeigt ebenfalls Verständnis für Hamsterkäufe. „Die sich dramatisch zuspitzende Situation in Italien machte die Bürger sensibel.“ Verstehen kann er den Griff nach Mehl, Milch, Eier und Dosen. Nicht aber, dass Nudeln in Großmengen gekauft werden oder den übermäßigen Run auf Toilettenpapier. „Die Lager aber sind voll und auch die Lieferketten funktionieren“, beruhigt er. Schwierig sei der Nachschub bei Desinfektionsmittel.

„Regale werden wieder aufgefüllt“

Für Helmut Hölzlwimmer vom Edeka-Markt in Berchtesgaden ist der zeitweise Run auf die Märkte nicht nachvollziehbar. „Der Druck ist immer noch hoch, es wird in großen Mengen eingekauft. Die Leute können aber beruhigt sein, der Lebensmittelhandel bleibt offen und die Regale werden immer wieder aufgefüllt, auch wenn die Coronakrise um den Virus Covid-19 noch anhält.“

Wenige Autos auf dem Aldiparkplatz in Bad Reichenhall. Weger der Grenzschließung nach Österreich bleiben viele Kunden aus.

Bei Aldi habe man gestern endlich reagiert, erzählen viele Kunden. Die übliche Vorgabe, nämlich der Verkauf in „haushaltsüblichen Mengen“ werde jetzt umgesetzt. Großen Hamsterkäufen wird so ein Riegel vorgeschoben. Zudem ist die Nachfrage aus Österreich wegen der erfolgten Grenzschließung spürbar zurück gegangen. Davon betroffen seien aber hauptsächlich die Märkte im mittleren Landkreis, in Berchtesgaden sei der Anteil an Kunden aus Österreich eher gering, sind sich die Marktbetreiber einig.

„In der Krise zusammenstehen“

Michael Dorrer und Dieter Schönwälder sind sich einig, dass der Lebensmittelhandel von dieser Krise nicht nur wirtschaftlich profitiert. „Wer hätte vor wenigen Wochen gedacht, dass sich die Einkaufsmärkte zum „Retter der Nation“ entwickeln. Viele Betriebe müssen schließen, viele auf Kurzarbeit umstellen, der Lebensmittelhandel bleibt stabil“, argumentiert Dorrer. Dieter Schönwälder hat an seine Mitarbeiter sogar einen mehrseitigen Rundbrief versandt und ist auf die aktuelle Situation eingegangen.

Er schließt mit den Worten: „Die Welt wird nach der Corona-Krise um den Virus Covid-19 auf jeden Fall eine andere sein. Wir sind jetzt alle gemeinsam gefordert und müssen das Optimalste und Beste aus der Situation machen, müssen dafür sorgen, dass wir gemeinsam unserer Pflicht nachkommen. Wir dürfen uns alle glücklich schätzen in dieser Branche zu arbeiten. Gegessen und getrunken wird immer. Wir verkaufen Lebensmittel, also Mittel zum Leben, das sollten und dürfen wir nie vergessen.“ Er sieht einen deutlichen Imagegewinn der Branche, was sich angesichts eines Mangels an Fachpersonal positiv auswirken werde.

Auch in Bayerisch Gmain hat sich die Lage im Lebensmittelhandel beruhigt. Die Menschen gehen gefasst mit der Coronakrise um.

Bei den Öffnungszeiten wird sich nichts ändern, auch wenn die Genehmigung für den Lebensmittelhandel bis auf 22.00 Uhr und auf Sonntag ausgedehnt wurde. „Wenn das Land wirklich in Not ist, die Menschen Hunger leiden müssen, wir nichts mehr zum Essen haben, dann werden auch wir notfalls 24 Stunden täglich offen lassen. So aber sehe ich keine Notwendigkeit dafür,“ ereifert sich Schönwälder. Viele Verbraucher würden sich auch noch an Zeiten erinnern, als die Geschäfte täglich um 18 Uhr schlossen und am Samstag um 12 Uhr Schluss war. Auch damals ist die Welt nicht untergegangen.

Kein Schutz an den Kassen

Die Leidtragenden an der aktuellen Entwicklung im Lebensmittelhandel sind die „Kassenkräfte“ die ungeschützt über viele Stunden hinweg täglich einem hohen Risiko von Ansteckung mit Covid-19 ausgesetzt sind. Keiner der Marktbetreiber hat dagegen ein Rezept. „Selbst ein Mundschutz würde nur sehr kurzfristig helfen,“ räumt Schönwälder ein. Es würden zwar die Laufbänder, Türgriffe und teilweise auch die Griffe der Einkaufswagen desinfiziert, doch den Mitarbeitern an der Kasse wird das wenig nützen. „Wir bitten die Kunden um Rücksichtnahme und genügend Abstand“, beteuern unisono Michael Dorrer und Helmut Hölzlwimmer , „doch an der Kasse werden mehr als ein Meter zum Problem. Wir appellieren sich häufiger die Hände zu waschen, sich eine Brille aufzusetzen und einen Hand-Mund-Kontakt zu vermeiden.“

Der Coronavirus ändert alles

Die Kunden würden mittlerweile gut mit der Situation umgehen, Desinfektionsspender werden gerne genutzt. Unverständnis hingegen habe man gegenüber Witzen über die Pandemie, wenn in Wortspielen und in Sozialen Medien mit dem Begriff „Corona“ die Situation ins Lächerliche gezogen werde. In dieser ernsten Lage dürfe man sich auch nicht „verrückt machen lassen“, sollte besonnen sein, die Ruhe bewahren. „Nicht jedes Hals- oder Kopfweh ist gleichbedeutend mit einer COVID-19-Infektion, auch nicht ein leichter Schnupfen“, zieht Dieter Schönwälder klar Position und fügt noch hinzu: „Die Überreaktion vieler Verbraucher ist Schade. Sie bedenken nicht, dass sie mit übermäßigen Hamsterkäufen anderen Menschen den Zugang zu den Waren nehmen.“

Kurz vor Redaktionsschluss erreicht uns noch eine Meldung von Obst und Gemüse Ziegler aus Bad Reichenhall. Als kleiner Zulieferbetrieb für die Gastronomie im Landkreis hat er aktuell Absatzprobleme. „Die meisten Gaststätten schließen schon früh oder gänzlich. Da bleiben wir auf unserer Ware sitzen“, bedauert er.

Ein starker Kreistag mit Michael Koller als Landrat

Die FWG-Kandidaten (v.l.): Anton Wieser, Bürgermeisterkandidat für Piding; Ania Winter, Oberbürgermeister-Kandidatin für Bad Reichenhall, Michael Koller, Landrats-Kandidat, Kreisvorsitzender Armin Nowak und Sabrina Stutz, Bürgermeister-Kandidatin für Teisendorf. – Fotos: Gerd Spranger

Am 15. März stellen sich gleich fünf Kandidaten für das Amt des Landrates zur Wahl. Zeitgleich wird ein neuer Kreistag gewählt, so dass auf kommunaler Ebene einiges in Bewegung kommen wird. Dabei ist vielen Bürgern die eigene Gemeinde- oder der Stadtrat näher als die Ebene des Landkreises. Die FW (Freien Wähler) sehen das differenzierter, was bei der Vorstellung der Kandidaten im Gasthof Bürgerbräu am 11. Februar deutlich wurde. Sie schicken über ihren Landratskandidaten Michael Koller hinaus sechzig Kandidaten für den Kreistag ins Rennen, auch die Mitte des Landkreises mit Bad Reichenhall, Bayerisch Gmain, Piding, Anger und Schneizlreuth ist gut präsentiert.

Die Mitte muss stärker werden

FWG-Kreisvorsitzender Dietrich Nowak

Das war eines der zentralen Themen und Forderungen des Wahlabends der FW über alle Kandidaten hinweg. „Die Mitte des Landkreises ist im jetzigen Kreistag deutlich unterpräsentiert, aus Bad Reichenhall vertreten nur zwei Kandidaten die Stadt,“ erläutert Dietrich Nowak, FW-Kreisvorsitzender aus Ainring, die aktuelle Situation, „dabei stellt die Stadt fast ein Fünftel der Einwohner des Landkreises.“ Er plädierte dafür, den Blick nach vorne zu richten. „Es geht um die nächsten sechs Jahre. Was wollen wir erreichen, wo wollen wir hin? Auf Landkreisebene werden wichtige Themen wie Verkehr, Kliniken, Schulen und Infrastruktur entschieden und über Mittel und Maßnahmen für Soziales, Umwelt und Integration befunden.“

Akuter Handlungsbedarf
in der Region

FWG-Landratskandidat Michael Koller

FW-Landratskandidat Michael Koller nahm den Ball auf, prangerte mit offenen Worten gesellschaftliche Missstände und Fehlentwicklungen an. „Wenn etwa 280 Millionen Pakete in Deutschland wieder zurück gesendet werden, wenn die Generationen untereinander ausgespielt, wenn ehrenamtlich engagierte Menschen nicht gewürdigt, wenn keine Energieform die richtige ist und die Dinge vor Ort zu lange brauchen, dann betrifft es uns auch in der Region und wir haben akuten Handlungsbedarf.“ Und Koller weiß von was er redet, nach seiner Schreinerlehre hat er sich weitergebildet und der heute 43-Jährige ist seit 2007 als Lehrkraft an der Realschule in Freilassing tätig und mit der Hälfte seiner Arbeitszeit seit 2016 Verwaltungsleiter im Pfarrverband Stiftsland Berchtesgaden. Seit 12 Jahren ist er im Gemeinderat von Berchtesgaden Fraktionssprecher und seit sechs Jahren Kreisrat. Er ist in weiteren fordernden ehrenamtlichen Engagements aktiv.

Sich den Herausforderungen stellen

„Wir werden die anstehenden großen Herausforderungen unserer Zeit aber nur gemeinsam lösen können. Als Landrat möchte ich das Gespräch und die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten pflegen, angefangen bei den Mitarbeitern des Landratsamtes bis hin zu den beteiligten Organisationen wie die BGLT, den Wirtschaftsservice, die Biosphärenregion, den Wirtschaftstreibenden, den Gemeinden und Vereinen.“ Konkret nannte er:

Generationen: „Wir hätten eigentlich viel ‚von den Alten‘ gelernt und was Nachhaltigkeit und Ökologie betrifft gute Vorbilder gehabt. Es gab keine ‚Wegwerfgesellschaft‘ und auch keine drei Auslandsurlaube jährlich. Kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander. Da müssen wir uns im Maß wieder etwas besinnen!

  • Ehrenamt:  „Hilfsbewusst sein mit sozialem Gewissen“
  • Digitalisierung: „Schnell und zeitnah umsetzten was funktioniert, wo gute Erfahrungen gemacht wurden.“ Breitbandausbau auch aufs Land, für die Zukunft des Arbeitslebens unerstzlich.
  • Gesundheit: „Den Standort der Kliniken sichern und erhalten. Die Landkreise Berchtesgadener Land und Traunstein tun gut daran, jährlich 1 bzw. 2 Millionen auf ein Rücklagenkonto einzuzahlen.“
  • Bürgernähe: „Kurze Entscheidungswege, klare Entscheidungen, gegenseitige Wertschätzung und Motivation als Dienstleister.“
  • Wirtschaft: „Wir müssen unsere ortsansässigen Gewerbe- und Handwerksbetriebe fördern und in ihrer Entwicklung unterstützen. Dabei gilt es das Wirtschaftsleitbild des Landkreises tatkräftig umzusetzen.“
  • Tourismus: „Weniger Ausflugsverkehr, höhere Wertschöpfung, attraktive Gesundheits- und Wellnessangebote.“
  • Verkehr: „Die Mitte des Landkreises ist extrem belastet, ein verbesserter ÖPNV mit höherer Taktfrequenz und günstigeren Preisen. Gute Park & Ride Angebote für die Städte. Aber es muss auch schnelle Lösungen bei verkehrlichen Dauerstaustrecken geben!“
  • Grenzkontrollen: „Nicht immer optimal, mehr mit personell aufgestockter, sehr professioneller Schleierfahndung arbeiten.“
  • Schulen: „Auch die Berufsschule in Freilassing baulich wieder fit und konkurrenzfähig machen für ein interessantes Gesamtangebot im Landkreis“
  • Wohnen: „Flächenfraß vermeiden, Leerstände nutzen und offen für neue Wege sein. Erleichterte Bedingungen für bestehende Bauten mit Leerstand im Außenbereich, etwa bei Mehrgenerationen-Häusern. Keine Zweitwohnungen.“
  • Energie: „Regional und dezentral, Alternativen fördern, Potentiale und Einsparpotential beim Verbrauch nutzen.“

Nach der Vorstellung von Michael Koller als Landratskandidaten der Freien Wähler stellten sich 17 FW-Kandidaten aus der Mitte des Landkreises, von Bayerisch Gmain bis Anger, vor. Ein zentrales Thema dabei war der sich immer mehr verdichtende Verkehr über alle Gemeinden hinweg, bis in den Norden nach Laufen. Ania Winter, die FWG-Kandidatin für den Oberbürgermeister in Bad Reichenhall, steht auf Platz 11 der FW-Kreistagsliste und bekräftigte ihr Bestreben sich für den Kreistag zu engagieren. „Viele Entscheidungen betreffen Bad Reichenhall direkt. Zudem ist es wichtig, sich in der Kommunalpolitik untereinander zu vernetzen und auszutauschen. Die Freien Wähler sind zudem von München anfangend in allen Kommunen vertreten und stellen etliche Bürgermeister. Das ist gut für unsere Arbeit.“

„Es ist Zeit für einen politischen Neuanfang“

Die FWG startet im Gasthof Bürgerbräu in den Wahlkampf für die Kommunahlwahl am 15. März. – Fotos: Gerd Spranger

„Nach 14 Jahren ist es Zeit für einen politischen Wechsel in Bad Reichenhall“, bekräftigt FWG-Vorsitzender Hans-Jürgen Frankenbusch bei der Präsentation von Kandidatinnen und Kandidaten und dem Zukunftsprogramm der FWG Bad Reichenhall im Gasthof Bürgerbräu. Die FWG wurde im Stadtrat von Bad Reichenhall 2014 zwar zur zweitstärksten Fraktion gewählt, doch war sie in den letzten sechs Jahren in der Rolle der Opposition. Mit der neuen dynamischen Kandidatin für das Amt des Oberbürgermeisters, Ania Winter, will sie das ändern. Mit Spannung wurde darum auch Ihre Vorstellung im mit fast 100 Personen vollbesetzten Festsaal der Braugaststätte erwartet.
Martin Strobl aus Ainring moderierte die Veranstaltung.

Martin Strobl moderierte die Veranstaltung, führte durch die Kandidatenvorstellung, begleitete die Oberbürgermeisterkandidatin und die Stadtratskandidaten bei der Vorstellung des Wahlprogrammes.

Ania Winter ist Rechtsanwältin, 51 Jahre, verheiratet und hat zwei Töchter. Sie durchlief nach ihrem Abitur eine Ausbildung zum Automechaniker, „und ich weiß wie es ist, nach einem harten Acht-Stunden-Tag müde nach Hause zu kommen.“ Dabei ist ihr Arbeitsalltag als selbständige Rechtsanwältin meistens deutlich länger, und seit 2012 leitet sie im Caritas Zentrum von Bad Reichenhall die Soziale Beratungsstelle für das Berchtesgadener Land, kennt die Brennpunkte und elementaren Nöte vieler Menschen. Seit gut zehn Jahren wohnt sie und ihre Familie in Bad Reichenhall, zuvor lebte die gebürtige Fränkin zehn Jahre in Schönau am Königssee. Privat verbringt sie am liebsten Zeit mit ihrer Familie, kocht gerne gemeinsam mit ihren zwei Töchtern oder ist sportlich für die Gesundheit und Erholung unterwegs.

Auf dieses Gleichgewicht an guten zwischenmenschlichen Beziehungen und fachlicher Kompetenz, wenn es etwa darum geht, Rechte von Menschen in Not durchzusetzen, legt sie Wert. Als künftige Oberbürgermeisterin von Bad Reichenhall ist ihr darum die fundierte Ausbildung als Juristin wichtig, aber gleichzeitig auch, die Menschen dort abzuholen, wo das Engagement eines Verwaltungschefs gefordert ist. „In der Verwaltung, in den städtischen Einrichtungen und auch in zur Stadt gehörenden Gesellschaften, arbeiten qualifizierte und gute ausgebildete Menschen, die ihren Job hervorragend erledigen. Es ist aber immer auch eine Frage der Motivation, in wie weit sich der Einzelne für die Stadt und ihre Bürger engagiert.“

Ania Winter ist für die FWG die Oberbürgermeister-Kandidatin in Bad Reichenhall

Politisch ist Ania Winter unbelastet, darum „unvoreingenommen, innovativ und emotional belastbar“, ist im Wahlkampfjournal der FWG zu lesen, das sich auf zwei Seiten auch eingehend der Frage widmet, was denn eigentlich die Aufgaben eines Oberbürgermeisters oder eines Stadtrates sind. Winter signalisiert damit deutlich, wie ernst sie die gestellten Anforderungen nimmt. Ania Winter und einige FWG-Stadträte kritisieren, dass Bad Reichenhall in einigen Bereichen hinter den Erwartungen zurückbleibe. Es wurde versäumt, das ganze Potential als Kreisstadt voll auszuschöpfen. Verantwortlich dafür sehe man, dass in den letzten Jahren die Handlungsspielräume der Stadt und Regulierungs-Instrumente nicht voll ausgeschöpft wurden. Es wurden auch Beschlüsse des Stadtrates nicht, nicht entsprechend oder nur schleppend umgesetzt.
Aus diesem Grund sei ein Wechsel an der Führung der Stadtregierung überfällig. Auch der Umstand, dass es so viele Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters gebe, zeige, dass weitgefächert ein Führungswechsel als notwendig erachtet werde.

Es ist Wahrzeichen und ein Schmuckstück der Alpenstadt Bad Reichenhall. Die historischen Gebäude der Alten Saline. Im HIntergrund der Hausberg Predigtstuhl.

Wie kann man die ‚Schmuckstücke der Stadt‘ noch mehr zum Leuchten bringen? Wie gut wird das Stadtmarketing tatsächlich umgesetzt? FWG-Stadtrat Gerhard Fuchs bringt es auf den Punkt: „Wir Reichenhaller sollten viel mehr stolz auf unsere Stadt sein, auf das, was wir haben. Da dürfen wir gerne noch von den Berchtesgadenern lernen.“ Er führt weiter aus: „Wir haben flächendeckende Kinderbetreuung in den einzelnen Stadtgebieten, sozialverträglichen Wohnraum über die Reichenhaller Wohnbau, und eine starke Kur GmbH, die öffentlichen Gebäude, Parks und Einrichtungen wie die Rupertustherme unterhält. Zudem die Stadtwerke, die die Energieversorgung sicherstellt.“ Fuchs wehrt sich dagegen, dass Stadtteile gegeneinander ausgespielt werden. Das unterstrich auch Stadtrat Friedrich Hötzendorfer und zitierte den ehemaligen Landtagspräsidenten Alois Glück mit den Worten, dass es ‚politischer Auftrag sei, das Gemeinwohl auch bei unterschiedlichen Ansichten im Blick zu haben‘. „Wir müssen verantwortlich handeln, und das bei angespannter Haushaltslage“, mahnt er an.

FWG-Vorsitzender Hans-Jürgen Frankenbusch stellt sich auch 2020 wieder der Wahl zum Stadtrat von Bad Reichenhall.

Bei der FWG-Präsentation flammten immer wieder die Themen Wohnraum, Stadtentwicklung und Verkehr auf. Beim Verkehr sollen der ÖPNV (Öffentlicher Personennahverkehr) gestärkt, Radwege ausgebaut und geschaffen und der Verkehr insgesamt aus der Stadt gebracht werden. Für die Oberbürgermeister-Kandidatin Ania Winter ist die Sachlage langfristig eindeutig. „Es gibt vom Deutschen Bundestag bis hinunter zum Stadtrat eindeutige Beschlüsse für eine Ortsumfahrung Bad Reichenhall. Wir werden uns mit Nachdruck dafür einsetzen. Bis es soweit ist“, betont Ania Winter, „werden wir alles unternehmen, um die Situation vor Ort zu verbessern.“

Eine offene Aussprache bei der FWG-Wahlveranstaltung in Bad Reichenhall. Oberbürgermeister-Kandidation Ania Winter und Moderator Martin Strobl

Glücklich ist sie, dass Bad Reichenhall mit den Stadtwerken eine starke regionale Energieversorgung hat. Damit ist eine Energieautarkie ein realistisches Ziel. Über den sozialen Wohnungsbau hinaus brauche es auch Baugründe, damit junge einheimische Familien sich ‚den Traum vom Eigenheim‘ erfüllen können. Bad Reichenhall müsse sich wieder auf seine touristischen Stärken wie Kur- und Gesundheit besinnen, mehr für die Ansiedelung kleiner Gewerbebetriebe unternehmen und eine solide Finanzpolitik betreiben.

Mit der Wahl des neuen Oberbürgermeisters am 15. März wird auch ein neuer Stadtrat, ein neuer Kreisrat und Landrat gewählt. Die FWG ist nicht nur Teil der Regierung in Bayern, sondern ebenso in allen Städten und Kommunen vertreten. So präsentierten sich im Bürgerbräu die Kandidaten für die Kommunalwahlen. Einen guten Eindruck hinterließ der FWG-Landratskandidat Michael Koller. Auch er hat sich nach seiner Schulzeit für eine Ausbildung im Handwerk entschieden und sich zum Fachlehrer weitergebildet. Seit 2007 unterrichtete er an der Realschule in Freilassing und seit 2016 ist er Verwaltungsleiter im Pfarrverband Stiftsland Berchtesgaden. Politisch engagiert er sich als FWG-Fraktionssprecher im Gemeinderat Berchtesgaden und ist stellvertretender Kreis- und Bezirksvorsitzender. Im Ehrenamt ist Michael Koller erster Vorsitzender der Untersberger Weihnachtsschützen und Kurator der Kirche Maria am Berg.

Oberbürgermeister-Kandidatin Ania Winter und der FWG-Kandidat für den Landrat, Michael Koller.

Er bekräftigt sein Engagement und seine Kämpfernatur mit seiner Lehrerstelle im sozialen Brennpunkt München-Hasenbergl. „In der Pause hatten wir Polizeischutz. Wer hier im Sinne einer ausgeglichenen und stabilen Persönlichkeit überlebt, der schafft es überall.“ Er wünscht sich für den Landkreis mehr Dynamik, Fortschritte beim Verkehr, beim Wohnen und im Bildungsbereich, den er auch auf Fachkräfte in den jeweiligen Berufen verstanden wissen will. „Es ist aber auch unsere Aufgabe Menschen mit sozialen Schwierigkeiten aufzufangen und zu helfen. Ein Landrat ist der Kommunikator des Landkreises, er kann viel bewegen“, ist sich Michael Koller sicher und der 43jährige will es voller Elan angehen.

Die Oberbürgermeisterkandidatin Ania Winter brauchte auf Nachfrage aus dem Publikum nicht lange zu überlegen, was ihr an Bad Reichenhall so besonders gefällt. „Viel Natur in allen Richtungen, sauberes Wasser, gute Kindergärten und Schulen, die Nähe nach Salzburg und Berchtesgaden, die Fußgängerzone, Tourismus und Kur mit allen Einrichtungen wie Kurpark, Philharmonisches Orchester, die vielen Parks der Stadt, Stadtwerke und Wohnbau sowie das Vereinswesen, Tradition und Brauchtum, die für unsere Werte stehen.“ Diese Werte zu erhalten, dafür will sie ihre ganze Energie und ihre Kraft als Oberbürgermeisterin einbringen.