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Wie hoch ist der wirtschaftliche Schaden für den Landkreis?

Branchenvertreter mit klarem Statement  Wirtschaftshilfe BGL zeigt sich zögerlich

Dr. Anja Friedrich-Hussong, Geschäftsführerin der Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice GmbH, schweigt noch zu den aktuellen Zahlen des Wirtschaftseinbruchs im Landkreis. Fotos: Gerd Spranger
Dr. Anja Friedrich-Hussong, Geschäftsführerin der Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice GmbH, schweigt noch zu den aktuellen Zahlen des Wirtschaftseinbruchs im Landkreis. Fotos: Gerd Spranger

Wie hoch ist der Schaden für den Tourismus mit den betroffenen Branchen von Hotellerie, Gastronomie, Handel und Freizeiteinrichtungen – von den Thermen bis zu den Bergbahnen – nach sechs Monaten Stillstand. Wie stellt sich die wirtschaftliche Lage im Landkreis dar, wollten wir als Redaktion wissen. Erster Ansprechpartner in der Region ist die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises. 

Sie unterstützt nach eigener Aussage mit einem Team von elf Mitarbeitern „Unternehmerinnen und Unternehmer umfassend, individuell und vertraulich“. Vor vier Wochen baten wir um aktuelle Zahlen, bis heute könne man dazu keine Angaben machen, „man wisse es ganz einfach nicht, arbeite aber daran“, ließ Geschäftsführerin Dr. Anja Friedrich-Hussong ausrichten. Jetzt steht endlich ein Termin fest. Wir haben uns vorher bereits umgehört.

Keiner nennt das Ausmaß
der Kollateralschäden

Interessiert hätte uns, wie hoch der Wirtschaftseinbruch für den Landkreis im Jahr 2020 ausfällt. Deutschlandweit sollen es fünf Prozent gewesen sein, in unserer vom Tourismus geprägten Region dürfte er höher ausfallen. Nach dem Wegfall des Weihnachtsgeschäftes bleiben im neuen Jahr für viele Unternehmer die Türen geschlossen. Sie dürfen nicht aufsperren, nicht vermieten und auch keine Gäste befördern oder bewirten. Ein Jahresumsatz von 487 Millionen Euro im Jahr 2019, laut Studie des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Institutes für Fremdenverkehr an der Universität München (dwif), zeigt die Bedeutung der Branche für das Berchtesgadener Land. Tourismusmanagerin Dr. Brigitte Schlögl bezifferte den Umsatzausfall für den ersten Lockdown im Frühjahr 2020 bereits mit rund 50 Millionen Euro für den Landkreis.

Einbruch von 36 Prozent

Dehoge-Kreisvorsitzender Johannes Hofmann

„Ein überaus starker Sommer verhinderte zwar das Schlimmste“, bekennt Dehoga-Kreisvorsitzender Johannes Hofmann, „die Reisen ins Ausland waren ja nur erschwert möglich, doch die Einbrüche im Landkreis liegen zwischen 16 und 36 Prozent, je nach Region.“ So verlor Berchtesgaden im Jahr 2020 knapp 370.000 Übernachtungen und Bad Reichenhall mit Bayerisch Gmain 353.000 Übernachtungen. Für Bad Reichenhall aber bedeutet dies bei insgesamt nur 958.000 Nächtigungen ein Minus von 36 Prozent. Die fünf südlichen Landkreisgemeinden brachten es 2019 auf 2,27 Millionen Nächtigungen. Dazu verzeichnete der Landkreis jährlich noch knapp sechs Millionen Ausflugsgäste, die seit Oktober 2020 weitgehend ausbleiben. Je Tagesgast wird ein Umsatz von 24,80 Euro zugrunde gelegt.
Ein aktuelles pdf dazu hier: dwif-wirtschaftsfaktor-tourismus-bgl

Rücklagen aufgebraucht – 
Griff nach der Altersvorsorge

Wieninger Schwabenbräu überbrückt mit einem Außer-Haus-Verkauf.

Wie hoch der angerichtete Schaden dabei ist, kann auch die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Berchtesgadener Landes aktuell nicht benennen. Wie viel Unternehmerinnen und Unternehmer haben ihre Rücklagen aufgebraucht, teilweises sogar ihre Altersvorsorge investiert? Wie viele „arbeitslose Selbständige“ zählen wir im Landkreis? Wie viele Fachkräfte wenden sich von der Branche ab? Zu all dem gibt es keine Angaben und gerade sie wären zur Beurteilung der Lage wichtig. Erschwerend wirken sich darüber hinaus die verzögerten Hilfen aus. „Erst wenn klar ist was bei den Betrieben ankommt, kann man Bilanz ziehen und das kann noch dauern“, gibt Johannes Hofmann zu denken.

Wirte leben von Hartz IV
Tourismus ohne Zukunft

Tische stehen auf der Bergstation der Jennerbergbahn keine mehr, auch Gäste bleiben seit einem halben Jahr aus. Der Betrieb musste schließen.

Er macht sich Sorge um die Zukunft der Branche: „Ich kenne erste Wirte die Hartz IV beziehen und erste Köche und Servicekräfte die in die Verwaltung, das Handwerk oder in die Dienstleistungsbranche wechseln.“ Noch vor einem Jahr zeichnete sich die Tourismusbranche durch Innovation, Internationalität, Wachstum und einen guten Ruf aus. Das ist jetzt nachhaltig vorbei, „wer will in einer unsicheren Branche noch seine berufliche Zukunft investieren?“ fragt der Dehoga-Kreisvorsitzende. Selbst Landrat Bernhard Kern, der die negativen Auswirkungen für das Berchtesgadener Land fürchtet, zeigt sich laut seiner jüngsten Pressemeldung „fassungslos über die jüngsten Beschlüsse der Staatsregierung“, sieht die Belange des Landkreises nicht berücksichtigt.

Wo bleiben
die Gelder und Hilfen?

Zu der wirtschaftlich angespannten Situation der Branche kommt noch die schleppende Auszahlung versprochener Hilfen. Hannes Lichtmannegger vom Hotel Rehlegg in der Ramsau, und mit ihm auch alle anderen betroffenen Unternehmen im Landkreis, können erst jetzt im März die Oktoberhilfe beantragen. „Und dabei haben wir aufgrund der Zwangsverordnung des Landkreises über Nacht bei Vollbelegung alle Gäste nach Hause schicken müssen“, erinnert der Hotelier. Für den gesamten Zeitraum von Oktober bis November seien bislang nur 150.000 Euro Überbrückungshilfe geflossen, bei einem Umsatzausfall von zwei Millionen Euro.

Nicht jeder
bekommt einen Kredit

Auch bei der Rupertustherme in Bad Reichenhall „geht nichts mehr“. Parkplatz und Therme sind seit sechs Monaten geschlossen.

“Die Hilfen für November wurden erst im Februar ausbezahlt und für Dezember und Januar sind ebenfalls noch keine Gelder angewiesen“, ergänzt er. Zudem müsse er als Unternehmer das Kurzarbeitergeld für die Angestellten am Monatsanfang ausbezahlen, bekommt es aber erst drei, vier Wochen später wieder erstattet, abzüglich des Arbeitgeberanteils. „Ich schätze mich heute glücklich, dass ich sofort das Gespräch mit meiner Hausbank gesucht habe und sie mir für diese schwere Zeit einen großzügigen Kredit gewährte. Den muss ich natürlich wieder zurückzahlen, größere Investitionen in den Betrieb sind damit für die nächsten Jahre erst einmal gestoppt“, bekennt Hannes Lichtmannegger. Nicht alle Hoteliers und Gastronomen dürften in dieser glücklichen Lage sein. „Bei Pachtbetrieben oder jungen Unternehmen wird es nur bedingt Kredite geben, um sich über diese Monate zu retten“, räumt Johannes Hofmann ein. „Die Situation vieler Betriebe wird zunehmend äußerst kritisch, weder ein Aufatmen durch Umsätze während der Weihnachtszeit, noch die Winter- und Skisaison konnten die schreckliche Situation in den Betrieben verbessern“, führt er in einem persönlichen Schreiben als Dehoga-Kreisvorsitzender an den Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder aus.

Klare Ansage der Bürgermeister

An ihn wandten sich bereits am 15. Februar alle fünf Bürgermeister des südlichen Landkreises sowie Dr. Bartl Wimmer, Vorsitzender des Zweckverbandes Tourismusregion Berchtesgaden- Königssee, und die Bürgermeister von Garmisch-Partenkirchen und vom Markt Oberstdorf. Sie bezeichnen den Tourismus in der Alpenregion für eine stabile Wirtschaftslage als unverzichtbar und warnen vor der Abwanderung von qualifizierten Fachkräften, denn „die Qualität in den touristischen Betrieben hängt stark von geeignetem Personal ab.“ Zudem „stößt eine mangelnde Planungsperspektive Gäste ab. Buchungen erscheinen unsicher und werden vermieden.“

Nichts für Ferienwohnungen

Sie appellieren bereits im Februar an den Ministerpräsidenten Markus Söder, Beherbergungsbetriebe, Gastronomie und Ausflugsziele gleichzeitig zu öffnen, denn „sonst verliert der Aufenthalt in der Urlaubsregion zu stark an Attraktivität.“ Ein in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommener Aspekt der Lockdowns ist die Schließung von nichtgewerblichen Privatvermietern und Ferienwohnungen. Die Bürgermeister treten auch für sie ein. „Sie zahlen wie jeder andere Betrieb Steuern und Gebühren, erhalten aber trotz großer Umsatzeinbußen keine finanziellen Hilfen.“

TV-Team von Kontrovers besucht den Schwabenbräu

Aufschwung für Bad Reichenhall erwartet
In den Sozialen Medien profilieren 

Bereits im November hat die Redaktion sich mit Thomas Riedl, seit 23 Jahren Wirt vom Schwabenbräu in Bad Reichenhall, über die Folgen des erneuten Lockdowns für die Branche unterhalten. Schon damals befürchtete er einen Umsatzverlust von fünfzig Prozent für das Jahr 2020. Er beklagte hohe fünfstellige Investitionen, um etwa auch den hohen Hygieneauflagen für den laufenden Betrieb gerecht zu werden. Einen Lieferservice, wie Kollegen von ihm anbieten, wollte er im November nicht starten. Jetzt aber hat er sich für die Variante „Essen to Go“ entschieden, eine kleine Karte zusammengestellt und am vergangenen Wochenende nach drei Monaten die Küche wieder aufgesperrt. Und er ist überwältigt von dem Zuspruch.

Personal mit hohen Einbußen

Auf Facebook zählt der Schwabenbräu eine große Fangemeinde von fast 2000 Gästen, fünfstellige Aufrufzahlen und seine Ankündigung werden mehrfach geteilt. Für seinen Küchenstart hatte er großes Glück, denn am Wochenende war bei ihm gleich ein Fernsehteam von Kontrovers, dem Politmagazin des Bayerischen Rundfunks, mehrere Stunden zu Gast. Thomas Riedl hat bei dem Service auch seine Mitarbeiter im Blick. „Für sie ist die Situation ebenfalls schwer. Seit drei Monaten haben sie keine Arbeit und ein reduziertes Einkommen. Sie beziehen Kurzarbeitergeld und der Wegfall von Trinkgeldern, ein wichtiger Teil des Einkommens, müssen sie ebenfalls verkraften. Da verbleiben nur 50 Prozent des sonst üblichen Einkommens und weniger. Dazu kommt die psychische Belastung und die Unsicherheit, wie es beruflich weitergeht.“ Der Unternehmer beschäftigte zuletzt einen Personalstamm von 35 Mitarbeitern.

Junge Gäste sind begeistert

Thomas Riedl und seine Frau Ruth sind trotz aller Umstände aber Optimisten geblieben. Bereits beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 haben sie sich darauf geeinigt, „nicht zurück, sondern nach vorne zu schauen.“ Sie freuen sich über die Filmaufnahmen, weil es vor allem auch Bad Reichenhall zugute kommt. Mit der Filmcrew waren sie zwei Stunden in der Innenstadt unterwegs. Thomas Riedl ist als Gastronom und Unternehmer aber auch Realist und räumt ein, dass womöglich jeder zweite Gastronomiebetrieb die Krise nicht überstehen wird, wie aktuelle Prognosen der IHK aufzeigen würden. „Insgesamt aber werden wir in den nächsten Jahren in Bad Reichenhall einen starken Aufschwung spüren“, ist er sich sicher. In seinen Ferienwohnungen registrierte er aufmerksam, dass im Sommer auch viele junge Menschen kamen, teilweise mit Kindern und teilweise noch nicht einmal verheiratet. „Viele von ihnen waren begeistert, von der Landschaft, der Ruhe und den unzähligen Möglichkeiten, die die Region bietet.“ Das Auseinanderbrechen der BGLT sei zwar ein Wermutstropfen für den Landkreis, doch Bad Reichenhall werde einen Aufschwung erleben, müsse sich insgesamt aber moderner präsentieren.

In der Krise Zeichen setzen

Dabei geht der Wirt vom Schwabenbräu selbst neue Wege. Zu Weihnachten etwa hat er seinen Gastgarten über Wochen hinweg in ein lebendiges kleines Weihnachts-Wunderland verwandelt und über Livestream eine Rock-Christmas übertragen mit 10.000 Zuschauern. Sein ebenfalls im Livestream übertragene „Vor-Silvester-Party“ verfolgten sogar 13.000 Zuschauer. Beide Veranstaltungen führte er seit 22 Jahren erfolgreich in seinem Betrieb durch, bei vollem Lokal und Gastgarten. Für den Livestream sicherte er sich professionelle Hilfe von seinem Freund, dem Alleinunterhalter Klaus Mehlig, der für ihn in den sozialen Medien für „echte Hingucker“ sorgt. „Natürlich war er auch bei den aktuellen Fernsehaufnahmen von Kontrovers mit dabei,“ bekräftigt Thomas Riedl. Für ihn ist es der Weg „nach außen“, hin zu seinen Gästen und zu einem großen Publikum. Mit den Angestellten halten er und seine Frau über eine WhatsApp-Gruppe Kontakt.

Der Erfolg von seinem auf die Wochenenden (Freitag bis Sonntag) begrenzten Außer-Haus-Verkauf kommt darum nicht von ungefähr. „Zwischen 50 und 100 Essen verkaufen wir am Tag und viele Gäste zeigen sich beim Trinkgeld großzügig. Sie wollen uns unterstützen und ihren Schwabenbräu auch in den nächsten Jahren noch erleben“, hört er häufig. Was nach großem Erfolg klingt, wird aber wohl eher die Kosten decken, und ist mit viel Arbeit verbunden. „Allein die Pflege in den sozialen Medien, die Beantwortung vieler Kommentare und Emails verlangen ihm und seiner Frau Ruth täglich viele Stunden ab. „Ohne geht es aber nicht, und das vielfache positive Feedback zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Wer sich näher über die Aktivitäten des Gastronomen informieren möchte, muss etwa bei Facebook nach Wieninger Schwabenbräu suchen.

Der aktuelle Beitrag ist im Bayerischen Fernsehen in der Sendung Kontrovers am Mittwoch ab 21.15 zu sehen.

Können Hotellerie und Gastronomie die Krise überleben?

Hilfen reichen nicht aus 
BGL-Wirtschaftsservice sieht deutlichen Verbesserungsbedarf  
Altersversorgung für den Betrieb opfern? 

Wenn sich der Morgennebel auflöst, die Sonne uns einen milden Novembertag beschert, scheint die Welt in Ordnung zu sein. Lange Spaziergänge an der frischen Luft stärken das Immunsystem und wir genießen die Ruhe um uns herum. Das ist die Lebenswirklichkeit jener, die etwa bereits ihre Rente beziehen oder über ein sicheres Einkommen verfügen. Für alle anderen, Selbständige wie Hoteliers, Gastronomen und Einzelhändler in den Innenstädten, weht eher ein eiskalter Novemberwind, der bis in die Glieder fährt, einen selbst nachts noch frösteln lässt.

Dr. Thomas Birner:
„Hilfen gehen an vielen Betrieben vorbei“

Dr. Thomas Birner vom Wirtschaftsservice BGL

„Wir helfen der Wirtschaft, den Betroffenen“, war das politische Versprechen für den zweiten Lockdown in Deutschland „und zahlen 75 Prozent des Novemberumsatzes.“ Dr. Thomas Birner, Geschäftsführer des Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice, ist zwar sehr froh, „dass die Unternehmen des Berchtesgadener Landes finanzielle Unterstützung für die Betriebsschließungen speziell in den beiden Oktoberwochen und auch für den November erhalten sollen. Gleichzeitig sieht er erheblichen Verbesserungsbedarf. „Es darf keine Beruhigungspille sein, die womöglich mit einem bösen Erwachen enden könnte und letztlich an vielen Betrieben vorbeigeht. Vertieft hat sich dieser Eindruck bei ihm in vielen Gesprächen mit Betroffenen.

„Null Euro von Null Umsatz bleibt Null“

Zu der Zwangsschließung von Hotellerie und Gastronomie merkt er an: „Bei einem stabilen Geschäft aus dem Tourismus mit einer starken Sommer- und Herbstsaison, wie wir es in den letzten Jahren hatten, brauchen Hotellerie und Gastronomie eine Pause. Es stehen jährlich Investitionen in Renovierung und Modernisierung an, Überstunden wurden abgebaut. Darum war der November meistens der Monat der Betriebsruhen. Daher war der Umsatz in dieser Zeit bei vielen Betrieben gleich Null. Und das soll nun Grundlage der Hilfen sein“, hinterfragt Dr. Birner kritisch. „Ein Unternehmen, das im November 2019 geschlossen hatte, kann also keine Bundeshilfen für den November 2020 beantragen. Und das sind viele. Das bedeutet, es kann auch keine Bayerische Hilfe für den Oktober beantragt werden, denn diese wird nur auf eine gewährte Bundeshilfe aufgesetzt. Denn 38% von Null sind trotzdem Null.“ Zudem sei dieses Jahr ganz anders zu werten.

„Besser den Jahresumsatz heranziehen“

„Durch den Verlust des Oster- und Pfingstgeschäftes durch den ersten Lockdown im Frühjahr, wäre die Branche auf das Geschäft im Oktober und November dringend angewiesen gewesen.“ Deshalb hält er auch das jüngste Versprechen, den Ausfall im Oktober, der die Betriebe durch die zweiwöchige Betriebsschließung aufgrund der Allgemeinverfügung des Landratsamtes in Berchtesgaden getroffen hat, mit 38 Prozent zu vergüten, für nicht sachgerecht. „Sinnvoller wäre es, einen jährlichen monatlichen Durchschnittsumsatz als Basis zu nehmen“, regt der Geschäftsführer des BGL-Wirtschaftsservice an.

„Der Handel geht leer aus“

Bei ihm häufen sich die Anrufe notleidender Unternehmen. „Der Handel in den Innenstädten geht bei all dem leer aus. Es fehlen zudem die Gäste und selbst die Besucher aus dem Salzburger Land“, merkt er an. „Was die Zulieferfirmen angeht, so müssen sie nachweisen, dass sie 80 Prozent ihres Umsatzes in der Gastronomie und Hotellerie tätigen, um hier einen finanziellen Ausgleich zu erwirken, und das wird in den meisten Fällen schwer fallen“, so Dr. Birner. „Im Einzelhandel greift diese Definition überhaupt nicht, da man es dort mit Endkunden zu tun hat, wo ein Nachweis, ob der Kunde ein Urlaubsgast oder Einheimischer ist, ohnehin nicht geführt werden kann.“ Er hofft, „dass das Programm noch nachgebessert wird, damit es auch unseren Unternehmen in dieser schweren Zeit tatsächlich Unterstützung bringt.“ Auch verweist er darauf, dass die Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice GmbH bei der Gestaltung von Förderprogrammen mit Expertise zur Verfügung steht, um gerade solche Aspekte aus der Praxissicht mit einzubringen.

Bernhard Holleitner:
„Steuerberater als Erfüllungsgehilfen der Unternehmen“

Steuerberater Bernhard Holleitner

Blickt man hinter die Kulissen, sind aktuell ebenso die Steuerberater gefordert, wie etwa Bernhard Holleitner aus Berchtesgaden. „Wir sind die Erfüllungsgehilfen der Unternehmer. Über uns müssen alle Anträge gestellt werden, und bis heute sind die Regelungen dafür noch völlig unklar.“ Das Problem sieht er dabei weniger im November. „Viele meiner Kunden aus der Hotellerie hätten im November so und so geschlossen“, konstatiert er. Doch in der Gastronomie stelle sich die Situation anders dar. Auch sei der frühzeitige Lockdown im Oktober anders zu bewerten. „Es gab über Nacht eine Abreiseverpflichtung für die Gäste und der entstandene Schaden war direkt.“

„Wann und wie greifen die Hilfen?“

Das ganze Thema zu den Hilfen rund um den ersten und zweiten Lockdown ist komplex, so der Steuerberater. „Anspruch auf Überbrückungshilfe etwa besteht von Juni bis Dezember. Bei der außerordentlichen Wirtschaftshilfe ist der November des Vorjahres maßgebend, doch die genauen Regelungen dazu sind noch nicht festgelegt. Anträge dazu können wohl erst Ende November gestellt werden und andere Unterstützungsmaßnahmen wie Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld werden angerechnet. Die außerordentlichen Wirtschaftshilfen für den Oktober schätzt Steuerberater Bernhard Holleitner als „nicht sachgerecht“ ein, denn sie setzen auf einen schwachen Novemberumsatz auf. Er fordert, dass der Umsatz vom Oktober 2019 als Grundlage verwendet wird. Für die Gastronomie gäbe es in all dem noch eine gute Nachricht im Hinblick auf die Förderung. „Die Kosten für den Wareneinsatz werden nicht in Abzug gebracht.“ Das eigene Unternehmerhonorar hingegen sei auf diesem Wege nicht förderbar, da es in der Regel keinem sozialversicherungspflichtigen Einkommen entspreche.

Thomas Riedl:
„Hoher Aufwand für die Sicherheit der Gäste“

Johannes Hofmann (Dehoga) und Thomas Riedl (Schwabenbräu) kritisieren das Handeln der Politik.

Einer der Betroffenen der Lockdowns ist Thomas Riedl, seit 23 Jahren betreibt er die Traditionsgaststätte Schwabenbräu in Bad Reichenhall. „Bis 2019 hatten wir 42 Angestellte im Betrieb, nach dem ersten Lockdown reduzierten wir auf 35“, erzählt er. Um den Schaden aus dem ersten Lockdown aufzufangen, habe er bereits einen sehr hohen fünfstelligen Betrag privat in das Geschäft investieren müssen. „Allein die Investitionen, um den Betrieb mit den ganzen Sicherheitsmaßnahmen, einem ausgereiften Hygienekonzept über den Sommer hinweg aufrecht halten zu können, mussten wir zusätzlich 10.000 Euro aufwenden. Wir haben den Einlass kontrolliert, um die Angaben der Daten unserer Gäste zu gewährleisten, sowie die Einhaltung der Maskenpflicht ‚bis zu den Tischen‘. Zusätzlich noch Hygienemaßnahmen wie das Desinfizieren der Hände und der Tische nach jedem Gästewechsel, 1000 Kugelschreiber haben wir über die Monate hinweg benötigt, die Servietten wurden nicht aus dem Krug entnommen, sondern in eigenen Taschen mit dem Besteck für jeden Gast bereitgestellt,“ zählt er die zusätzlichen Maßnahmen auf. Umso mehr ärgert es ihn, dass jetzt ausgerechnet die Gastronomie ein Bauernopfer der Krise ist, die sich besonders um Sicherheit bemüht hat. „Wir haben glücklicherweise ein tolles Team in Küche und Service, alle haben sich engagiert und aktiv mitgearbeitet und wir waren auf einem guten Weg, unsere Verluste wieder etwas auszugleichen.“

„Jede Hoffnung auf Gewinn begraben“

Dann aber trat zum 14. Oktober über Nacht die Allgemeinverfügung des Landratsamtes für das Berchtesgadener Land in Kraft. „Unser Gäste mussten abreisen, einige wichen in den Chiemgau aus, und auch die Gastronomie wurde erneut zugesperrt. Das hat jede Hoffnung begraben, die Krise halbwegs gut zu überstehen. Bleibt auch der Dezember zu, so werden wir wohl nur 50 Prozent unseres Jahresumsatzes schaffen“, prognostiziert Thomas Riedl. „Und ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass mit dem Aufsperren des Betriebes das Geschäft gleich wieder in vollem Umfang anlaufen wird“, fügt er an.

Johannes Hofmann:
„Die meisten Betriebe werden nicht überleben“

Johannes Hofmann, Kreisvorsitzender des Dehoga Bayern, sieht in der Traditionswirtschaft „Schwabenbräu“ einen gesunden, wirtschaftlich starken Betrieb. „80 Prozent der Gastronomie aber sind nicht so gut aufgestellt. Für sie ist der zweite Lockdown trotz Fördermaßnahmen existenzbedrohlich“, schätzt er die Lage der Branche ein. „Es kann auch nicht angehen, dass Wirte zum Teil ihre Altersversorgung, häufig die Lebensversicherung, aufkündigen müssen, um die staatlich verordneten Betriebsschließungen zu überstehen.“ Er begrüßt etwa die Entscheidung des Tourismusministerium in Wien. Als gute Geste erhalte das Servicepersonals einen steuerfreien Zuschuss von hundert Euro für entgangene Trinkgelder. „Ein zweites Desaster wie der brutale Lockdown im Berchtesgadener Land vom 20. Oktober ist für die Branche nicht akzeptabel“, so Hofmann. „Wir brauchen eine gewisse Vorlaufzeit, Planungssicherheit und dann eine Garantie, dass die Betriebe offen bleiben. Unsere Gäste anhand von steigenden Infektionszahlen erneut nach Hause zu schicken ist undenkbar“, mahnt er an.

„Sieben Tage die Woche und ein langer Arbeitstag“

Thomas Riedl sieht die Branche doppelt betrogen. „Wir selbst – meine Frau Ruth und ich – arbeiteten vom 18. Mai bis zum 14. Oktober täglich bis zu 16 Stunden durch. Wir hatten lediglich insgesamt zwei Tage frei. Wir tragen das gesamte unternehmerische Risiko, alle Investitionen und auch die Beschäftigung von 35 Mitarbeitern. Nicht umsonst werden wir als eine der tragenden Säulen im Geschäft mit dem Tourismus angesehen. Es fehlt die Wertschätzung für unsere geleistete Arbeit. Es wäre höchste Zeit, uns mit dem halben Mehrwertsteuersatz weiter zu helfen. Die so großzügig in Aussicht gestellten 75 Prozent an staatlicher Hilfe wirken sich am Ende zudem wieder voll auf die Einkommenssteuer aus. Dann müssen wir davon wieder bis zu 50 Prozent an Steuern zurück bezahlen.“

Kritisch sei die Situation vor allem auch für das Personal. „Küche und Service haben zusätzliche Einnahmen aus dem Trinkgeld, was ihnen jetzt fehlt und zu ihrem Einkommen dazu zählt, weil in der Gastronomie bei weiten nicht die Nettoeinkommen erzielt werden wie im Handwerk oder in der Industrie. Davon aber gibt es dann über das Kurzarbeitergeld nur 60 bis 70 Prozent. Die Fixkosten aber laufen weiter,“ das kann auf Dauer nicht funktionieren.

Dehoga-Bayern kündigt Widerstand an

Im Hinblick auf den Lockdown und den Entwurf eines neuen Infektionsschutzgesetzes kündigt der Dehoga-Bayern seinen entschlossenen Widerstand an. Das geplante Gesetz sei verfassungswidrig. Er sehe zwar die Untersagung oder Beschränkung des Betriebs gastronomischer Einrichtungen sowie die Untersagung oder Beschränkung von Übernachtungen vor, Entschädigungen hierfür seien jedoch nicht vorgesehen. Hier fehle schlichtweg die gesetzliche Regelung des finanziellen Ausgleichs für Unternehmen, wenn ihnen staatlicherseits die Geschäftsgrundlage entzogen wird.

Niedergang des Tourismus in Bayern?

Gastronomie & Hotellerie zu Freizeiteinrichtungen geschlossen – Handel in den Städten vor massiven Problemen

– Im Gespräch mit Johannes Hofmann, Kreisvorsitzendes des DEHOGA-Bayern –

Zahlt der Staat ist alles gut? Diese Frage stellt der Kreisvorsitzendes des DEHOGA-Bayern, Johannes Hofmann, im Berchtesgadener Land. Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern sollen vom Staat pauschal 75 Prozent ihres im November 2019 gemachten Umsatzes erhalten. Der von der Politik inszenierte Lockdown-Light soll damit in der Gastronomie und Hotellerie abgefedert werden, um so Betriebsschließungen zu vermeiden. „Das klingt zunächst sehr großzügig und hilft den Betrieben ‚das Schlimmste‘ zu verhindern“, so Hofmann. Doch er bewertet den gesamtwirtschaftlichen Schaden sehr hoch. „Die ganze Zulieferkette, vom Bäcker bis hin zu den Zulieferbetrieben wie Brauereien und der Lebensmittelhandel bleiben auf der Strecke. Was ist mit unserem Personal und vor allem den Auszubildenden? Auch sie sind von dem Lockdown betroffen. 

Weihnachtsfeiern abgesagt

Johannes Hofmann vor dem Rathaus in Bad Reichenhall, in dem er als Stadtrat auch Jahre aktiv war.

Wie sollen wir verhindern, dass gute Mitarbeiter, die mit reduziertem Gehalt (Kurzarbeit) und Teilzeitbeschäftigung sowie Jobverlust rechnen müssen, der Branche den Rücken kehren oder in weniger betroffene Regionen zum Arbeiten abwandern?“ Und auch ein Zweites treibt den DEHOGA-Vorsitzenden um. „Im Sommer kamen viele Gäste, die sonst im Ausland ihren Urlaub verbringen, in das Berchtesgadener Land und waren begeistert“, weiß er aus vielen Gespräche mit seinen Kollegen. „Im Oktober mussten sie aufgrund der Verfügung des Landratsamtes über Nacht abreisen. Der positive Effekt, den wir nach dem ersten Lockdown für unsere Region verzeichnen konnten, wird so wieder leichtfertig auf’s Spiel gesetzt. Dazu kommt die Angst“, so Hofmann, „dass es im Dezember nicht besser wird, das gesamte Weihnachtsgeschäft wegbricht. Die vielen, für die Branche so wichtigen Weihnachtsfeiern der Betriebe, haben wir bereits absagen müssen.“ Hat die Politik über das Ziel hinausgeschossen?

Eine verunsicherte Branche

Die Verunsicherung der Branche sei bei Gastgebern wie bei potenziellen Gästen riesig. So habe der überstürzte Shotdown im Landkreis eine hohe Stornierungswelle ausgelöst. „Der Staat wird die Schließung der Betriebe auf Dauer nicht finanzieren können. Wir brauchen ein tragfähiges Konzept für den Tourismus, bis hin zu den Freizeiteinrichtungen. Kein Gast wird anreisen, wenn die gesamte Infrastruktur, von den Bergbahnen, über die Schifffahrten bis hin zu den Museen, Bädern und Thermen geschlossen bleiben“, fordert Johannes Hofmann.

Perspektiven für unternehmerisches Risiko

Ausschlaggebend für die Zukunft werde es sein, „dem Tourismusgewerbe wieder bessere Bedingungen zur Erwirtschaftung von Profiten zu ermöglichen, hier ist die Politik gefordert. Nur dann werden Betriebe auch ein gewisses unternehmerisches Risiko wagen. Das heißt Ausbildungsplätze schaffen und in die Betriebe investieren, was wiederum dem Fiskus ein Vorteil sein wird“, bekräftigt der DEHOGA-Kreisvorsitzende. So habe etwa das Hotelgewerbe beim reduzierten Steuersatz auf Übernachtungen wieder den nötigen Raum für Investitionen gewonnen.

Motivation ist schwindend

Für Johannes Hofmann gehe die Rechnung nur bei einer gesamtwirtschaftlichen Perspektive auf. Es würden alle gewinnen, die Gastronomie und Hotellerie, die Urlauber, der Einzelhandel und das Handwerk. Letztlich profitiere der Staat selbst durch höhere Steuereinnahmen. „Das ganze personalintensive ortsgebundene Gewerbe braucht diesen reduzierten Steuersatz anhand der fürchterlichen jetzigen Situation dringend“, so Hofmann. Die Motivation, die Unternehmen überhaupt weiterzuführen, sei schwindend.

Sein Appell an die Politik: „Der Tourismus in Bayern funktioniert ohne bayerische Gastronomie nicht. Mittelstand und Handel gehen Hand in Hand mit dem Tourismus. Was der Politik der Mittelstand wert ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Anscheinend wurde vergessen, wer das stabile Rückgrat der Finanz und Wirtschaftskrise war. Politiker aller Couleur denkt darüber nach.“

Mit Merkel und Söder eiskalt in die Zukunft

K O M M E N T A R

Irgendwo müssen wir ja anfangen, sagen sich viele Menschen, wenn sie vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe stehen. In Aktion zu kommen, Dinge anzupacken hilft, ist besser als Stillstand und schweigendes Abwarten. Was aber wenn auf Staatsebene genau so agiert wird? „Irgendwo müsse man ja anfangen, denn man brauche eine Reduzierung der Kontakte um 75 Prozent“, erklärt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder öffentlich. Nach acht Monaten Erfahrung mit dem Virus Covid19 gibt es kein Konzept ihm zu begegnen. Hilflos müssen hochbezahlte Virologen und Politiker zusehen, wie die Infektionsraten immer weiter nach oben steigen. Das ‚Allheilmittel‘ einer Impfung ist noch in weiter Ferne.

Kann Bayern ohne Tourismus, ohne Gastronomie und Hotellerie überleben? Nichts als nackte Landschaft mit (v.l.) Zwiesel, Hochstaufen und Fuderheuberg.

Die Gastronomie und Hotellerie, die Freizeitwirtschaft und der Tourismus werden zum Bauernopfer, denn wo sonst sind eine Reduzierung von Kontakten um 75 Prozent möglich. Das Zentrum unseres gesellschaftlichen Lebens bricht weg und mit ihm wohl auch der Handel in den Innenstädten. Österreich geht mit Kanzler Kurz noch einen Schritt weiter. Um eine Verlagerung von Treffen in privaten Räumen zu verhindern, wird kurzerhand eine Ausgangssperre von 20 bis 6 Uhr verhängt. Das kennen wir in Europa nur noch aus Kriegszeiten. Wir der Kampf gegen den Virus zu einem Krieg gegen das eigene Volk? Der Mediziner und SPD-Abgeordnete Lauterbach fordert Kontrollen in privaten Wohnungen, um die weitere Verbreitung von Covid19 zu unterbinden.

Masken und Abstand halten wird seit Monaten verlangt, bei Missachtung drohen hohe Strafen. Ob in Geschäften oder im Freien. In den deutschen Innenstädten patrouillieren dafür eigens Polizeistreifen, die Gesundheit der Nation sei in Gefahr. Allein geholfen hat es nichts. Beim Einkaufen, in geschlossenen Räumen und bei Menschenansammlungen mag es als Vorsichtsmaßnahme ja noch angenommen werden. Im Freien, bei genügend Abstand zu den Mitmenschen, entlarvt sich das Tragen von Masken als völlig sinnentleert, doch die Politik macht mit, fordert es sogar. Ein Offenbarungseid an Ratlosigkeit und auch nach achtmonatiger Pandemie mit dem Virus Covid19 von Konzeptlosigkeit.

Ausgerechnet jene Branchen trifft es jetzt, die mit angemessenen Schutzkonzepten vorbildlich handelten. Könnte es sein, dass die Politik einen gefährlichen Irrweg einschlägt, hin zu einem totalitären Überwachungs- und Verbotsstaat? Wie kam es dazu? Wie kann es sein, dass unser Land seit Monaten am Parlament vorbei regiert wird und Notverordnungen nach 87 Jahren wieder ein Renaissance in Deutschland erleben? Haben wir aus der Geschichte nichts gelernt? Sind zweifelhafte einfache PCR-Tests ohne Bestätigungstests eine Grundlage, um gar mit einer „nationalen Gesundheitsnotlage“ zu drohen? Verzeichnen wir in Deutschland wirklich eine sprunghafte Überbelegung der Intensivbetten im Vergleich mit den entsprechenden Zeiträumen der Vorjahre? Welche Rolle spielt die WHO?

Die WHO definierte im April 2009 ganz neu, was als Pandemie zu gelten habe. Bis dahin war nämlich eine „ beträchtliche Zahl von Toten“ zur Ausrufung einer Pandemie und nicht so sehr das Infektionsgeschehen maßgeblich. Unter dem Eindruck der H5N1-Vogelgrippe 1997 und später der Schweinegrippe hatten weite Kreise der Pharmaindustrie ein hohes Interesse andere Faktoren in den Blickpunk zu rücken. Und heute stellt sich mehr wie jemals die Frage, ob allein das Infektionsgeschehen und düstere Prognosen als Grundlage eines Lockdowns wirklich geeignet sind und dem Wohl des Volkes dienen. Eines ist bereits heute klar. Die sich daraus ergebenden Schäden für Wirtschaft und Gesellschaft gehen in hohe Milliardenbeträge. 500.000 Arbeitsplätze und selbständige Erwerbsgrundlagen werden vernichtet, die Zahl der Kurzarbeit bewegt sich zwischen vier und sieben Millionen Menschen. Weitere Schäden an Gesundheit und Wohl der Menschen sind nicht abzusehen.

Man möchte dem bayerischen Ministerpräsidenten gerne zurufen, „es ist Ihre Aufgabe den Nachweise zu erbringen, dass in der Gastronomie und Hotellerie eine erhöhte Ansteckungsgefahr besteht.“ Noch gilt auch in Deutschland der Rechtsgrundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“. Konsequenter Weise müsste demnach ebenso die Bundeswehr, wie auch große Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten schließen. Sie sind ein Born der Infektionen. Lieber aber zeigt man gegenüber den kleinen Unternehmen harte Kante, ist der starke Mann in Bayern. Im Übrigen, Herr Ministerpräsident, ist es eine medizinische Unmöglichkeit, symptomlos erkrankt zu sein.

Das Gewerbe wehrt sich

Die am 20. Oktober vom Landratsamt erlassene Allgemeinverfügung kommt zumindest aus touristischer Sicht, aus der Perspektive des Hotel- und Gaststättengewerbes und des Handels einem Lockdown des Berchtesgadener Landes gleich. Aktuell wehrt sich die Branche gegen die Verfügung und Michael Rupin, Vorsitzender der Reichenhaller Unternehmerforum e.V. (RUFO), vormals: Handels und Gewerbeverein Bad Reichenhall und Umgebung e.V., hat eine Klage gegen die Verfügung initiiert. Hier sein Schreiben im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir bedanken uns für die bisherige Berichterstattung und wie zugesagt, übermitteln wir Ihnen im Anhang die Klage, den Eilantrag und besonders wichtig auch die Liste der 150 Betriebe welche mit ihrer Stimme und mit Ihrem Firmennamen diese Klage solidarisch unterstützen! Es ist kein einzelner, der hier wie Don Quijote gegen Windmühlen kämpft, es ist das Unternehmertum und es sind die Bürger eines ganzen Landkreises welche aufstehen und ihre demokratischen Mittel nutzen!

Sei es mit stummen Protesten vor den geschlossenen Schulen und Kindergärten, sei es dass die Bedürftigen mit der übrig gebliebenen Ware aus der Gastronomie unterstützt werden, oder sei es mit dem, dass wir letztendlich als Gemeinschaft diese Klage und den Eilantrag beim bayerischen Verwaltungsgericht eingereicht haben!

Wir haben bewusst als Kläger, einen mittelständischen Betrieb der Hotellerie/Gastronomie ausgesucht! Denn wenn Sie sich die Struktur der Beherbergungsbetriebe im Berchtesgadener Land genauer anschauen, werden Sie feststellen dass wir sehr große und sehr gute Hotels mit internationalen Renommee haben, jedoch noch viel mehr mittelständische und kleine Unternehmen.

Oftmals wird nur das Schlaglicht auf die ganz großen gerichtet und die anderen bleiben im Halbschatten. Wir haben bewusst dieses Zeichen gesetzt, dass es einer aus der Mitte ist, der letztendlich genau die gleichen Schwierigkeiten hat wie die ganz großen Unternehmen, oder wie die ganz kleinen. Denn fast jedes Hotel, jeder Gastronom, der direkt von diesen Maßnahmen getroffen ist, kämpft ums finanzielle Überleben.

Ums Überleben kämpfen auch viele andere Betriebe im Landkreis, welche zwar offiziell von der Allgemeinverfügung nicht oder nur leicht getroffen sind, jedoch in Wirklichkeit vor dem existenziellen Aus stehen.

Selbst wenn es jetzt irgendwann eventuell staatliche Hilfsmaßnahmen gibt, wer soll das noch finanzieren, wenn nicht nur im Berchtesgadener Land sondern eventuell sogar bayern- oder bundesweit, dem Rückgrat der deutschen Steuerkraft, den heimischen Betrieben ins Herz getroffen wird?

Wir bedanken uns für die weiterhin sachliche und abwägende Berichterstattung.

Mit vielen Grüßen aus dem Berchtesgadener Land / Mike Rupin

Michael Rupin / 1. Vorsitzender
Reichenhaller Unternehmerforum e.V. (RUFO)
Vormals: Handels und Gewerbeverein Bad Reichenhall und Umgebung e.V.

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Homepage: https://www.reichenhaller-unternehmerforum.de/rufo

Die Gastronomie braucht eine zeitliche Perspektive

  • Ohne Planungssicherheit keine Zukunft ‚
  • Handel und Gastronomie in einem Boot

In Österreich leuchtet für die Gastronomie ein Licht am Ende des dunklen Corona-Tunnels. Ab 15. Mai öffnen Restaurant und ’sonstige Gastronomiebetriebe‘ wieder, wenn auch mit einigen Auflagen. In Bayern hingegen herrscht nach Aussage von Ministerpräsidenten Markus Söder noch völlige Unklarheit darüber, wann und unter welchen Restriktionen die Gastronomie wieder öffnen darf. Für den Vorsitzenden des Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA-Bayern im Berchtesgadener Land, Johannes Hofmann, ein untragbarer Zustand.

Johannes Hofmann trägt auch zu Besprechungen im Büro einen Mundschutz gemäß dem Motto „Safety first“.
Johannes Hofmann trägt auch zu Besprechungen im Büro einen Mundschutz gemäß dem Motto „Safety first“. – Foto: Gerd Spranger

„Die Branche braucht für die Vorplanung ausreichend Zeit. Wenige können einfach spontan nächste Woche aufsperren und alle Waren sowie das Personal stehen bereit. Besonders gravierend ist die Unsicherheit bei der Ausflugsgastronomie. Diese Unsicherheit der Planbarkeit ist unzumutbar.“ Aktuell sind im Landkreis etwa 15 Prozent der Betriebe so heftig betroffen, dass mit jeder Woche Verlängerung der Gastrosperre die endgültige Betriebsschließung immer wahrscheinlicher werde.

„Es wird eine zweite Pleitewelle geben“

„Wir werden zum Jahresende hin eine zweite Pleitewelle erleben“, prophezeit Johannes Hofmann und begründet: „In den Monaten Oktober bis März, vom Weihnachtsgeschäft einmal abgesehen, erwirtschaftet das Hotel- und Gaststättengewerbe in unserer touristisch geprägten Region kaum Gewinne. Wird erst im Juni wieder aufgesperrt, wie von Markus Söder angekündigt, fehlt das Geschäft von Ostern, Pfingsten und das halbe Sommergeschäft, denn es wird etwas Zeit brauchen, bis wieder alles anläuft. Ab Oktober droht dann die nächste Flaute.“

Ein positives Lebensgefühl für die Innenstadt

Darüber hinaus sitzen für Hofmann der Handel und die Gastronomie im gleichen Boot. Nur gemeinsam könne man es aus der Krise schaffen. „Niemand geht ausschließlich zum Einkaufen, schon gar nicht in die Innenstädte, in die Fußgängerzonen. Da zählt das Gesamterlebnis, das Lebensgefühl, dem mit der Maskenpflicht auch so schon ein schwerer Schlag versetzt wurde. Nur der Handel in Verbindung mit einer lebendigen Gastronomie schaffen diesen Erlebnisraum Innenstadt. Mit jeder Woche die wir verlieren verspielen wir ein Stück unserer Zukunft. Aktuell werden ja die ganz großen Industrien wie Lufthansa oder die Autobranche mit Milliarden Euro im dreistelligen Bereich vor dem Bankrott bewahrt. Doch ohne die vielen kleinen Geschäften, ohne einen Mittelstand mit bis zu 30 Beschäftigten, die in der Regel auch ausbilden, kann unsere Gesellschaft nicht überleben.“

Soforthilfen halten der Realität nicht stand

Und das bringt den BHG-Vorsitzenden Johannes Hofmann zu einem nächsten Punkt. „Die schnellen Versprechen nach großzügigen Soforthilfen halten der Realität nicht stand. Letztlich sind es die Hausbanken, die darüber entscheiden. Und die sind eng an die strengen Standards von Basel III und die BaFin (Bankenaufsicht) gebunden. Im Klartext heißt das, dass jemand, der aufgrund des Ratings seiner Kreditwürdigkeit kein Darlehen erhält, es auch nicht durch die großzügig versprochenen staatlichen Garantien bekommt.“ Helfen habe der BHG und Hofmann selbst dennoch einigen Kollegen, darunter auch viele mit ausländischen Wurzeln, die sich bei den Anträgen und Regularien nicht zurecht fanden oder generell eine Scheu vor staatlichen Behörden empfinden. Viele würden auch schon sechs Wochen auf bewilligte Gelder warten, ohne dass bislang ein Eingang verzeichnet wurde.

Wirtshaussterben auch ohne Coronakrise

Zur Gesamtsituation merkt er an, dass es in Bayern auch vor der Krise bereits 500 Ortschaften gegeben habe, in dem es keine gewerblich geführte Gastronomie mehr gebe. Einzig die Vereinsgastronomie floriere, während das Wirtshaussterben die letzten zehn Jahre weiter an Fahrt aufgenommen habe. Dabei würden auch heute noch rund 75 Prozent der Betriebe in der Familie geführt. „Das begünstigt natürlich die Personalsituation und meist auch die Kapitaldeckung.“

Keine unternehmerische Freiheit mehr

Selbst hat Johannes Hofmann nach seiner Kochlehre, einjähriger Hotelfachschule und vieler Weiterbildungen 1985 seinen ersten gastronomischen Betrieb in Deutschland geführt. „Damals konnte man mit 30.000 DM anfangen, heute braucht man oft das Vierfache an Kapital. Damals gab es kaum Alkoholkontrollen und kein Rauchverbot. Damals gab es kaum Auflagen zum Brandschutz, der Hygieneverordnung und Dokumentationspflicht. Zurecht konnte man von „Unternehmerischer Freiheit“ sprechen. Das hat sich grundlegend geändert und erschwert auch ganz ohne Corona die Rahmenbedingungen der Branche erheblich.“ Ab 20 Mitarbeiter etwa brauche man heute eine eigene Bürokraft in Vollzeit plus Steuerberater, um allenVorgaben gerecht zu werden. Entbürokratisierung sieht anders, aus argumentiert Hofmann weiter.

BHG-Kreisvorsitzender Johannes Hofmann fordert:

Sperrt die Gaststätten und Biergärten sobald wie möglich auf
Informiert die Branche rechtzeitig
Keine Unterscheidung nach Betriebsgröße
Die Branche ergreift alle erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen
Die Betriebe gehen verantwortungsvoll mit den Auflagen um.
Zum 1. Juni muss es eine Neubewertung der Situation geben.
Einheitlicher zeitlich unbeschränkter ermäßigter Mehrwertsteuersatz für Hotellerie und Gastronomie.

Neues Tagungszentrum und ein 4-Sterne Berghotel

Die Arbeiten am ehemaligen Hotel Panorama sind schon weit fortgeschritten

(gsp) Zu einer der größten Investoren in Bad Reichenhall ist der Unternehmer Max Aicher geworden. Vor allem sein Engagement um die Predigtstuhlbahn fand große Beachtung. In die Bergbahn, das Restaurant und die Infrastruktur haben die Eigentümer, die Familien Posch und Aicher (Josef und Marga Posch GmbH & Co. KG) bereits drei Millionen Euro investiert. Aber auch der Kauf zweier alter ‚Liegenschaften‘ aus dem Gastronomiebereich – das Wirtshaus am Saalachsee und der Gasthof Schroffen – sowie der alte Tengelmann-Markt und der Erwerb weiterer Grundstücke und Immobilien zeigen das große Interesse Aichers an Bad Reichenhall. Nicht ganz unumstritten ist seine Initiative zur Schaffung einer neuen Ortsumfahrung mit einem so genannten Auentunnel. Zum Portfolio von Max Aicher zählen zudem zwei Hotels, nämlich das Berghotel Predigtstuhl und das Hotel Panorama. Und hier sind die Pläne schon sehr konkret.   Neues Tagungszentrum und ein 4-Sterne Berghotel weiterlesen

Was treibt heute den BHG-Vorsitzenden Johannes Hofmann um?

Bekenntnis an die Heimat und eine frische gesunde Küche

(gsp) Die jüngste Auszeichnung erhielt Johannes Hofmann, Vorsitzender der Dehoga Bayern/BGL 2018 auf der Münchner Reisemesse f.re.e. Er erhielt die „Medaille für besondere Verdienste um die bayerische Gastlichkeit“. Seit 32 Jahren ist er aktives Mitglied des Verbandes und seit 20 Jahren Vorsitzender im Berchtesgadener Land, in vielen Ausschüssen und Gremien vertreten und war bis 2008 auch Stadtrat in Bad Reichenhall.  Was treibt heute den BHG-Vorsitzenden Johannes Hofmann um? weiterlesen