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Mit Merkel und Söder eiskalt in die Zukunft

K O M M E N T A R

Irgendwo müssen wir ja anfangen, sagen sich viele Menschen, wenn sie vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe stehen. In Aktion zu kommen, Dinge anzupacken hilft, ist besser als Stillstand und schweigendes Abwarten. Was aber wenn auf Staatsebene genau so agiert wird? „Irgendwo müsse man ja anfangen, denn man brauche eine Reduzierung der Kontakte um 75 Prozent“, erklärt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder öffentlich. Nach acht Monaten Erfahrung mit dem Virus Covid19 gibt es kein Konzept ihm zu begegnen. Hilflos müssen hochbezahlte Virologen und Politiker zusehen, wie die Infektionsraten immer weiter nach oben steigen. Das ‚Allheilmittel‘ einer Impfung ist noch in weiter Ferne.

Kann Bayern ohne Tourismus, ohne Gastronomie und Hotellerie überleben? Nichts als nackte Landschaft mit (v.l.) Zwiesel, Hochstaufen und Fuderheuberg.

Die Gastronomie und Hotellerie, die Freizeitwirtschaft und der Tourismus werden zum Bauernopfer, denn wo sonst sind eine Reduzierung von Kontakten um 75 Prozent möglich. Das Zentrum unseres gesellschaftlichen Lebens bricht weg und mit ihm wohl auch der Handel in den Innenstädten. Österreich geht mit Kanzler Kurz noch einen Schritt weiter. Um eine Verlagerung von Treffen in privaten Räumen zu verhindern, wird kurzerhand eine Ausgangssperre von 20 bis 6 Uhr verhängt. Das kennen wir in Europa nur noch aus Kriegszeiten. Wir der Kampf gegen den Virus zu einem Krieg gegen das eigene Volk? Der Mediziner und SPD-Abgeordnete Lauterbach fordert Kontrollen in privaten Wohnungen, um die weitere Verbreitung von Covid19 zu unterbinden.

Masken und Abstand halten wird seit Monaten verlangt, bei Missachtung drohen hohe Strafen. Ob in Geschäften oder im Freien. In den deutschen Innenstädten patrouillieren dafür eigens Polizeistreifen, die Gesundheit der Nation sei in Gefahr. Allein geholfen hat es nichts. Beim Einkaufen, in geschlossenen Räumen und bei Menschenansammlungen mag es als Vorsichtsmaßnahme ja noch angenommen werden. Im Freien, bei genügend Abstand zu den Mitmenschen, entlarvt sich das Tragen von Masken als völlig sinnentleert, doch die Politik macht mit, fordert es sogar. Ein Offenbarungseid an Ratlosigkeit und auch nach achtmonatiger Pandemie mit dem Virus Covid19 von Konzeptlosigkeit.

Ausgerechnet jene Branchen trifft es jetzt, die mit angemessenen Schutzkonzepten vorbildlich handelten. Könnte es sein, dass die Politik einen gefährlichen Irrweg einschlägt, hin zu einem totalitären Überwachungs- und Verbotsstaat? Wie kam es dazu? Wie kann es sein, dass unser Land seit Monaten am Parlament vorbei regiert wird und Notverordnungen nach 87 Jahren wieder ein Renaissance in Deutschland erleben? Haben wir aus der Geschichte nichts gelernt? Sind zweifelhafte einfache PCR-Tests ohne Bestätigungstests eine Grundlage, um gar mit einer „nationalen Gesundheitsnotlage“ zu drohen? Verzeichnen wir in Deutschland wirklich eine sprunghafte Überbelegung der Intensivbetten im Vergleich mit den entsprechenden Zeiträumen der Vorjahre? Welche Rolle spielt die WHO?

Die WHO definierte im April 2009 ganz neu, was als Pandemie zu gelten habe. Bis dahin war nämlich eine „ beträchtliche Zahl von Toten“ zur Ausrufung einer Pandemie und nicht so sehr das Infektionsgeschehen maßgeblich. Unter dem Eindruck der H5N1-Vogelgrippe 1997 und später der Schweinegrippe hatten weite Kreise der Pharmaindustrie ein hohes Interesse andere Faktoren in den Blickpunk zu rücken. Und heute stellt sich mehr wie jemals die Frage, ob allein das Infektionsgeschehen und düstere Prognosen als Grundlage eines Lockdowns wirklich geeignet sind und dem Wohl des Volkes dienen. Eines ist bereits heute klar. Die sich daraus ergebenden Schäden für Wirtschaft und Gesellschaft gehen in hohe Milliardenbeträge. 500.000 Arbeitsplätze und selbständige Erwerbsgrundlagen werden vernichtet, die Zahl der Kurzarbeit bewegt sich zwischen vier und sieben Millionen Menschen. Weitere Schäden an Gesundheit und Wohl der Menschen sind nicht abzusehen.

Man möchte dem bayerischen Ministerpräsidenten gerne zurufen, „es ist Ihre Aufgabe den Nachweise zu erbringen, dass in der Gastronomie und Hotellerie eine erhöhte Ansteckungsgefahr besteht.“ Noch gilt auch in Deutschland der Rechtsgrundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“. Konsequenter Weise müsste demnach ebenso die Bundeswehr, wie auch große Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten schließen. Sie sind ein Born der Infektionen. Lieber aber zeigt man gegenüber den kleinen Unternehmen harte Kante, ist der starke Mann in Bayern. Im Übrigen, Herr Ministerpräsident, ist es eine medizinische Unmöglichkeit, symptomlos erkrankt zu sein.

Bürgertelefon: 6700 Anfragen in neun Wochen

– Zentrale Nummer am Landratsamt
– Vom Shutdown bis zum Startup

Die Diplom-Sozialpädagogin Petra Neubauer ist beim Landratsamt Berchtesgadener Land beschäftigt und an der Staatlichen Berufsschule Berchtesgadener Land in Freilassing für die Jugendsozialarbeit zuständig. In den letzten neun Wochen aber verlegte sie ihren Arbeitsplatz direkt in das Landratsamt in Bad Reichenhall und arbeitete für das Bürgertelefon der Führungsgruppe Katastrophenschutz. Der Umgang mit Menschen, ihren Nöten und Anliegen ist ihr vertraut und so war sie zusammen mit weiteren Kolleginnen Ansprechpartnerin für das Bürgertelefon, wo vom 16. März bis zum 17. Mai Ratsuchende in der Coronakrise Hilfe fanden. Insgesamt nutzen 6700 Anrufer diesen Service, an Spitzentagen waren es über 600 Anrufe täglich und bis zu vier Telefonplätze besetzt.

Entlastung für das Gesundheitsamt

Viel Hilfe in der Corona-Krise leistete das Landratsamt Berchtesgadener Land. Von links: FüGK-Leiter Thomas Schmid, Diplom-Sozialpädagogin Petra Neubauer, stv. Pressesprecher Stefan Neiber,

Für Thomas Schmid, Leiter der Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) am Landratsamt eine unverzichtbare Einrichtung. „Wir haben das Bürgertelefon mit bis zu vier zeitgleich besetzten Arbeitsplätzen zum ersten Mal im Januar 2019, als die großen Schneemengen vor allem im südlichen Landkreis den Katastrophenfall auslösten, eingerichtet. Das Landratsamt mit seiner zentralen Nummer wäre mit der Vielzahl der Anrufe jetzt zur Corona-Pandemie ebenso überfordert gewesen, wie das Gesundheitsamt.“

Am Tagesbeginn stand für Petra Neubauer und ihr Team zuerst eine kurze Besprechung mit den Bereichsleitern an, um immer auf dem ganz aktuellen Stand zu sein. Die Diplom-Sozialpädagogin erinnert sich an den ersten Tag. Ministerpräsident Markus Söder hatte am 16. März die verhängten Maßnahmen der Bayerischen Staatsregierung zur Eindämmung des Virus beschlossen und in einer Erklärung über die Medien verbreitet. „Sofort liefen bei uns die Telefone heiß. Es war ja quasi ein Vorgriff auf den Shutdown, der eine Woche später erfolgte. Wir waren zu dieser Zeit im Detail nicht informiert, es war schwierig. Künftig aber ließen wir keine Regierungserklärung des Ministerpräsidenten zu den Maßnahmen aus.“

Wie funktioniert die Gesundheitskette

„Es waren vor allem die mehrfachen Änderungen, von der Verschärfung im Lockdown und die langsame Lockerung, die häufig zu Fragen und Verunsicherungen führten,“ erzählt Petra Neubauer. „Besonders in den ersten Wochen meldeten sich Bürger, die sich bereits bei Halsschmerzen oder einer leichten Erkältung sorgten an dem Virus Covid-19 erkrankt zu sein. Es herrschte auch noch Unsicherheit, wie die Gesundheitskette funktioniert, etwa ob nun der Hausarzt konsultiert werden soll oder nicht.“

Ein besonderer Fall war für Neubauer etwa der Anruf einer älteren Dame, die unter Einsamkeit litt und sich mit einer guten Bekannten auf eine Tasse Kaffee treffen wollte. „In der Wohnung war das bei der Kontaktbeschränkung zu der Zeit nicht möglich. Wir haben ein Treffen im Kurpark arrangiert.“

„Wichtig war für diese Zeit im Landratsamt immer den richtigen Ansprechpartner zu haben. Das schaffte Vertrauen und gibt Sicherheit,“ ergänzt Stefan Neiber, stellvertretender Pressesprecher des Landratsamtes. Die Fragen rund um die Beschränkungen und Lockerungen um die Corona-Pandemie sind ein Spiegel der letzten Wochen. „Viel Unmut rief etwa die Sperrung der Wanderparkplätze hervor. Es gab zu dieser Zeit die einzigen Anrufe, bei denen die Anrufer persönlich wurden, ihren Unmut freien Lauf ließen“, erinnert sich Neubauer.

Nur mit Liebesbrief nach Salzburg

In den letzten Tagen gab es noch viele Fragen zur Öffnung der Grenzen, wann, wie und wo man nach Salzburg fahren darf. „Dabei gibt es aktuell eine Besonderheit,“ erzählt die Sozialpädagogin schmunzelnd. „Einen Freund oder eine Freundin darf man nur mit einem „Liebesbrief“ besuchen, als eine Art persönlicher Einladung. Auch müsse mit der gemeldeten Adresse nachgewiesen werden, dass die Person auch in Österreich wohnhaft ist.“

Mit der Zeit habe man ein gutes Gespür für die Menschen und diese besondere Situation entwickelt. Selbst nach Dienstschluss oder an freien Tagen hielten sich die Mitarbeiter vom Bürgertelefon über die aktuellen Entwicklungen am Laufenden. Manche Anrufer suchten kurze und schnelle Auskunft, andere brauchten Zeit, jemanden zum Reden. „Auch die haben wir uns genommen“, versichert Neubauer.

Kein Fall in den Asylunterkünften

Thomas Schmid freut sich, dass es in den Asylunterkünften im Landkreis keinen Coronafall gegeben hat. Vorsichtig optimistisch blickt er in die Zukunft. „Nachdem jetzt die Gastronomie unter Einschränkungen wieder geöffnet ist, folgen am 30. Mai die Hotels und damit läuft der Tourismus vorsichtig wieder an. Am 15. Juni sind auch die Grenzen nach Österreich und in andere EU-Länder wieder offen. Wir hoffen die Lage entspannt sich weiter und wir erleben keine zweite Welle“, so der FüGK-Leiter. Dann aber sei man gut gerüstet und mit ausreichend Material versorgt, ergänzt er.

Geholfen habe das gut eingespielte Team im Katastrophenschutz, das die letzten Jahre bereits mehrere Male aktiv war. Das ermöglichte schnelle Hilfe, vor allem dort wo sie nötig war, etwa bei den Senioreneinrichtungen. Rettungskräfte, Feuerwehr und THW haben ‚Hand in Hand‘ gearbeitet, ebenso alle weiteren beteiligten Kräfte wie die Bayerische Polizei, Bundespolizei, Bundeswehr und alle Mitglieder der Führungsgruppe Katastrophenschutz am Landratsamt.

Schnelle Hilfe über die Organisationen hinweg

„Eine gute Logistik ist eine Sache und absolut notwendig. Eine schnelle Umsetzung über verschiedene Organisationen hinweg eine ganz andere. Das aber funktioniert hervorragend. Wir treffen uns als Team vom Katastrophenschutz mehrmals im Jahr führen auch gemeinsame Übungen durch. Letztlich aber ist man auf meterhohe Schneemassen oder auf dreimonatige Ausnahmesituationen wie jetzt bei der Corona-Pandemie nicht wirklich vorbereitet. Was zählt ist ein schnelles und gutes menschliches Miteinander.“

Für Petra Neubauer geht der Arbeitsalltag jetzt wieder in der Berufsschule Freilassing weiter. „Das ist irgendwie durchgesickert und am ersten Tag fragten gleich fünf Schüler um ein persönliches Gespräch an. Die Folgen von Corona, der Isolation und Wegfall des öffentlichen Lebens bis hin zum Shutdown der Sportvereine, zeigt Spuren bei den jungen Menschen. Zwei von ihnen erzählten von einem richtigen Corona-Kollaps nach zwei Wochen. Ich bin gespannt, was da noch auf mich und unsere Gesellschaft zukommt.“

Prävention und Gesundheitsförderung mit dem Kneipp-Verein

2021 feiern die 600 Kneippvereine in Deutschland den 200-jährigen Geburtstag des Pfarrers Sebastian Kneipp, der im Volksmund spätestens mit Erscheinen seines zweiten Buches „So sollt ihr leben!“ als Wasserdoktor betitelt wurde. Dabei hatte er besonders mit der Ärzte- und Apothekerschaft viel Ärger, die ihn der Kurpfuscherei bezichtigte.

Er musste 1854 sogar eine Erklärung unterschreiben, „fürder auch solchen Unglücklichen nicht mehr zu helfen, die angeblich keine ärztliche Hilfe mehr fanden“. Der engagierte Pfarrer aber ließ sich nicht lange aufhalten, denn in Oberbayern wütete bald darauf eine Choleraepidemie und Sebastian Kneipp hatte sich in seinen jungen Jahren mit seiner „Wassertherapie“ selbst von der Tuberkulose geheilt.

An heißen Sommertagen eine Wohltat: eine Abkühlung am kalten Wasser. Aber auch sonst gut für die Gesundheit, zur Stärkung des Immunsystems – Fotos: Gerd Spranger

1855 wurde Kneipp Beichtvater und Hausgeistlicher im Kloster Wörishofen der Dominikanerinnen und entwickelte seine Lehre von den fünf Säulen der Gesundheit, gemäß dem Motto: „Gesundheit bekommt man nicht im Handel, sondern durch den Lebenswandel“. Zu ihnen zählen bis heute die Wassertherapie, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und Kräuter sowie eine „Ordnungstherapie“, die den ganzheitlichen Ansatz von Geist, Körper und Seele verfolgt.

Eine gute work-live-balance pflegen

Der Vorsitzende des Kneipp-Vereins Berchtesgadener Land, Heinz Becker, spricht von einer ausgewogenen work-live-balance. Und er muss es wissen, war er selbst 25 Jahre lang Geschäftsführer eines großen technischen Unternehmens im Salzburger Land. Seit 18 Jahren ist er Mitglied im Kneippverein und seit fünf Jahren dessen Vorsitzender. Wie hoch aktuell der Ansatz des „Wasserdoktors“ ist, wird etwa in einem Vortrag von Klaus Erhardt (†), dem Vorgänger von Heinz Becker, aus dem Jahr 2005 deutlich.

Heinz Becker ist der Vorsitzende des Kneippvereins im Berchtesgadener Land. Der Verein setzte sich auch für die Errichtung einer Kneippanlage im Kurgarten von Bad Reichenhall ein.

Er sprach bereits damals über die Risiken einer Grippepandemie angesichts einer drohenden Vogelgrippe und fragte, was man aus naturheilkundlicher und kneippscher Sicht dagegen tun könne. Dabei betonte er die Wichtigkeit der körpereigenen Abwehr im Kampf gegen Viren und Bakterien. Im Januar 2020 kritisierte der Präsident des Kneipp-Bundes, MdL Klaus Holetschek, das Gesundheitssystem in Deutschland ganz in der Tradition von Sebastian Kneipp: „Es ist an der Zeit, unser Gesundheitssystem völlig neu zu denken. Es richtet sich immer weniger auf den Menschen aus. Wenn wir die Tragweite von Fehlentwicklungen nicht begreifen, laufen wir Gefahr, dass unser Gesundheitssystem irgendwann kollabiert und unser Solidarsystem ausgesaugt wird“, so der Politiker.

Gesundheit ein wertvolles Gut

Seine Mahnung wirkt heute, auf dem Höhepunkt der Coronakrise, prophetisch. „Bei vielen Themen treten wir auf der Stelle und werden den Patienten nicht mehr gerecht. Es geht um Defizite im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung, der Stillstand in der Pflege trotz zahlreicher punktueller Maßnahmen und Reformen, fehlende Lösungen für eine bessere Verbindung von ambulant und stationär, und nicht zuletzt der bedenkliche Anstieg kapitalgeführter und profitorientierter Konzernpraxen. Wo das Primat von Kapitalinteressen herrscht, fehlt es systembedingt an der ärztlichen Fürsorge“, mahnt Holetschek.

Noch ist die Kneippanlage geschlossen, auch wenn die ersten warmen Tage des Jahres die Frühlingsgefühle wecken. Corona hat vieles geändert.

Christian Dannhart M.A., Geschäftsführer des Kneippbundes aus Bad Wörishofen bekräftigt aktuell diese Einschätzung. „In den letzten Tagen häufen sich die Anfragen nach Maßnahmen der Prävention und Vorbeugung durch die Medien bei uns.“ Für Heinz Becker aus Bad Reichenhall sind die Empfehlungen des Pfarrers Sebastian Kneipp längst zu einem wesentlichen Teil seines Lebensstils geworden, besonders in Zeiten der Coronakrise. „Spaziergänge an der frischen Luft, tägliches warm-kaltes Duschen, eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse, gesunde Tees und Kräuter sowie Optimismus und Dankbarkeit helfen dem heute 70-Jährigen auch durch schwere Zeiten. Bei der jungen Generation sieht er eine Hinwendung zu einem gesunden Lebensstil.

„Allerdings bleibt für Engagements in Vereinen häufig nicht die Zeit. Studium und Beruf fordern so schon einen 14-Stunden-Tag. Da ist man dann nur punktuell zu weiteren Aktivitäten bereit. An Action und Abenteuer, wie etwa im Alpenverein oder bei der Feuerwehr, haben wir nicht viel zu bieten. Wir pflegen das gesunde Kneippen und Wandern und treffen uns 14-tägig zum gemütlichen Zusammensein und Austausch im Kaffeehaus. Der Verein zählt aktuell 202 Mitglieder plus sieben Kinder.“

Nachteile einer modernen Lebensweise

Wie nachhaltig und prominent der Pfarrer und Wasserdoktor aus Bad Wörishofen ist und war, zeigt ein Blick auf seine Geschichte. Grundsätzlich sprach sich der Geistliche und Naturheilkundler gegen ‚die moderne Lebensweise‘ aus. Er beharrte sein Leben lang auf eine kostenlose Behandlung von mittellosen Kranken und Waisenkindern. Ende 1893 wurde Kneipp von dem römisch-katholischen Papst Leo XIII. zum Päpstlichen Geheimkämmerer ernannt und vom Lateinischen Patriarchen von Jerusalem zum Komtur des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Er behandelte den Papst ebenso wie Erzherzog Joseph von Österreich. 2015 nahm die deutsche UNESCO-Kommission das Kneippen als „traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps“ in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf.

Kur-GmbH reagiert auf die Krise

– Im Gespräch mit der Kurdirektorin Gabriella Squarra –

Magistra Gabriella Squarra, GF Kur-GmbH

Als die Kur-GmbH Angang März den Ostermarkt im Königlichen Kurhaus von Bad Reichenhall wegen Corona absagte, war der Virus für viele Menschen noch weit weg. Dass nicht nur die Aussteller und rund 3000 Gäste wegbleiben, sondern bald das öffentliche Leben in Bad Reichenhall nahezu stillstehen würde, hätte wohl kaum jemand vorausgesagt.

Für Geschäftsführerin Mag. Gabriella Squarra eine Zensur: „Wir waren schon damals in sehr engen Kontakt mit dem Gesundheitsamt. Der Markt hätte zu viele Menschen auf zu engen Raum mit sich gebracht. Es folgten die Absage der Konzerte der Philharmonie und in Folge aller Veranstaltungen der Kur-GmbH für die nächsten zwei Monate.“ Zuletzt folgte die Schließung der Rupertustherme vor einer Woche und aktuell die Schließung des Stellplatzes für Wohnmobile. Der Urlaub ist abgesagt, Urlaubsverbot.

Das alte Königliche Kurhaus, direkt am Kurpark gelegen, bleibt über Wochen geschlossen. Alle Veranstaltungen, Seminare und Tagungen wurden abgesagt – Fotos: Gerd Spranger

Kein Job für Minijobber
und 90 Mitarbeiter in Kurzarbeit

Dennoch läuft der Betrieb bei der Kur GmbH mit 216 Mitarbeitern, davon 80 ‚Minijobber‘, weiter. Allein 90 Mitarbeiter entfallen auf die Therme, die jetzt in Kurzarbeit beschäftigt sind. Zur Kur-GmbH zählen die Kurgärtnerei, der Betriebshof, das Gebäudemanagement und auch die Rupertustherme. „Wir haben die Maßnahmen mit allen Beschäftigten, dem Betriebsrat und der Gesellschafterversammlung eng abgestimmt und beschlossen,“ informiert Squarra. Ansonsten versucht man aus der Not eine Tugend zu machen. Überstunden und Urlaube werden abgebaut und anstehende Arbeiten an den Gebäuden vorgenommen, soweit es möglich ist.

Flexibel werden die Mitarbeiter der Kur-GmbH in Bad Reichenhall eingesetzt, auch zu allfälligen Reinigungsarbeiten.

Kurhaus, Konzertrotunde, Kurgastzentrum

„Nicht alles können wir vorziehen. Teilweise müssen wir erst Ausschreibungen vornehmen und nicht immer sind kurzfristig Handwerksbetriebe verfügbar“, schränkt Gabriella Squarra ein. So führt die Therme bereits jetzt die Revisionsarbeiten durch, die eigentlich erst in ein paar Monaten auf dem Plan standen. „Vieles muss organisiert und umdisponiert werden, wir tun was wir können.“ Die Konzertrotunde etwa ist gewöhnlich im Dauerbetrieb, ebenso das Kurgastzentrum. Jetzt sind die Gebäude fast menschenleer, ideale Bedingungen für Renovierungsarbeiten. Verzichten müssen wir alle auf die schönen Konzerte der Bad Reichenhaller Philharmonie.

Keine Konzerte im königlichen Kurgarten von Bad Reichenhall. Einsam und verlassen sitzt der Flötenspieler vor den leeren Bänken

Investitionen in den Brandschutz
und in Sicherheitskonzepte

Ein weiterer großer Bereich sind fällige Brandschutzmaßnahmen, das Sicherheitskonzept und die Schulung von Mitarbeitern. „Hinter den Kulissen leisten wir viel für eine erfolgreiche Begleitung von Veranstaltungen. Es reicht vom Arbeitsschutz bis zum Brandschutz, von der Veranstaltungstechnik bis zum Gebäudemanagement und hin zu umfassenden Dokumentationen und deren Bestätigungen.“ So durchlaufen die Mitarbeiter vom Service-Center Veranstaltungen jetzt ein Coaching mit einem externen Trainer, um Schwachstellen zu beheben. Die Wochen der Coronakrise werden genutzt. Eine Qualitätsoffensive für anspruchsvolle Veranstaltungen im Test- und Rollenspiel. „Sicherheiten sollen geschaffen und Eigenverantwortung gestärkt werden“, hebt Squarra hervor.

Selbst die Rupertustherme in Bad Reichenhall ist seit 17. März geschlossen und aktuell ebenso der Stellplatz für Wohnmobile – Urlaubsverbot!

Verträge mit 70 Dienstleistern, geringfügig Beschäftigten und freien Mitarbeitern sind aktuell ausgesetzt. Bei den Festangestellten arbeiten einige wenige im Homeoffice. In den Büros rückt man auseinander, es wird auf Abstand geachtet, die Büros teilweise nur mit einer Kraft besetzt. Kurgärtnerei, Betriebshof, Gebäudemanagement und Therme arbeiten über die Abteilungen hinweg im flexiblen Personaleinsatz. „Wenn die Saison wieder anläuft, die Gäste und Urlauber wieder anreisen, dann haben wir die Zeit während der Coronakrise bis dahin gut genutzt.“

Squarra: „Die Ministerien handeln entschlossen“

Neue Verhaltensregeln für den Kurpark in Bad Reichenhall

„Betriebshof und Gärtnerei haben aktuell Hochkonjunktur. Im beginnenden Frühjahr bereiten wir den Sommer vor und auch in der Therme gilt es, die Außenanlagen zu pflegen. Überhaupt, „es macht keinen Sinn, den Sommer schon jetzt abzusagen. Wir wollen bereit sein, wenn die Saison und das Geschäft wieder anläuft.“

Kurdirektorin Gabriella Squarra beurteilt das entschlossene Handeln von staatlicher Seite positiv. „Ich habe den Eindruck, das System funktioniert, von oben nach unten und ist durchlässig, so dass Hilfe auch ankommt. Das gute Zusammenwirken der Ministerien untereinander hilft pragmatisch schnell und lässt mich für die Zukunft hoffen.“ Bad Reichenhall habe dabei gute Chancen, sich als ein Ort der Gesundheit und Revitalisierung zu positionieren.

Ein Blick in die alte Kur-Zeitung

Viele Pensionen, Hotels
und Kuranstalten sind längst Geschichte

Der Sprung von 1999 ins neue Jahrtausend war wesentlich kleiner – von der Einführung des Euro abgesehen – als der von 1989, vor allem wenn es um die Entwicklung der alten Kur- und Badeorte geht. Auch Bad Reichenhall bekam das mit Rückgängen von bis zu 30 Prozent bei den Kuren zu spüren. Im Mittelpunkt stand dabei das Gesundheits-Reformgesetz von Norbert Blüm, die große Gesundheitsreform – und damit ‚das Aus‘ der offenen Badekuren – folgte einige Jahre später.

Wir haben in einer alten Kurzeitung geblättert und dabei wieder einige Fundstücke gemacht. Auch viele kleine Pensionen und Hotels entdeckt, die es längst nicht mehr gibt, ebenso sind die Kuranstalten fast alle längst Geschichte. Darum zeichnet Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner mit seiner Aussage, dass „es in Bad Reichenhall die letzten 30 Jahre keine Hotelneubauten mehr gegeben hat“, nur das halbe Bild.

Touristinfo am Bahnhof mit drei Angestellten

Die treibenden Kräfte im Staatsbad waren in jenen Jahren Kurdirektor Wolfgang Städtler und Dr. Herbert Pfisterer vom Kur- und Verkehrsverein, der bis 2005 die gesamte Werbung und Außendarstellung Bad Reichenhalls – vor allem auf vielen Tourismus-Messen – voran brachte. Neue Schaltzentrale der Aktivitäten war das neu gebaute Kurgastzentrum. Bis 1987 war die „Touristinfo“ von Bad Reichenhall in einen Raum am Bahnhof (heute Eisdiele) untergebracht.

Sole-Bewegungsbad mit Therapiebecken

Damals wurden noch im Sole-Bewegungsbad „Rupertus“ Bewegungstherapien durchgeführt, aber auch Yoga, Tänze und Skigymnastik standen auf dem Programm. Und was die Ernährung betrifft, war man bereits in den 80er-Jahren längst am Umdenken. Diäten, Vollwert- und Schonkost waren die sichtbaren Zeichen davon. Selbst einzelne Betriebe spezialisierten sich darauf, wie etwa die Hotel-Pension Hansi in der Rinkstraße oder die Schroth-Kuranstalt in der Vogelthennstraße. Beide Betriebe gibt es heute nicht mehr. Im damals neuen Kurgastzentrum wird den Gästen „entspannte Unterhaltung in absolut rauchfreien Räumen bei nichtalkoholischen Getränken“ versprochen. Rauchfrei – war damals noch die besondere Ausnahme.

Eine große Kneipp-Abteilung

Neben einer Anzeige des „Sanatorium der Barmherzigen Brüder“ findet sich ein Beitrag zum Wandel der ‚Volksgesundheit‘. Schon damals sprach man von einer Zunahme der Alterskrankheiten. „Wer zur Kur fährt ist kein Drückeberger“ lautet die Headline. Die Kur werde weiter an Bedeutung gewinnen, waren sich ihre Fürsprecher sicher. Lebensqualität habe etwas mit „biologischer und psychischer Lebensbalance“ zu tun. Zu jener Zeit hat man kräftig investiert, etwa auch die Barmherzigen Brüder, in einem neuen Gymnastiksaal, ein Bewegungsbad und eine Vergrößerung der Kneipp-Abteilung und des Saunabereiches.

Geburt des ‚Sanften Tourismus‘

Touristisch mühte man sich einem ’sanften Tourismus‘ auf die Spur zu kommen oder ihn gar in die Spur zu bringen. War es damals die Sehnsucht nach einer ‚heilen Welt‘, litt man zu sehr unter der sich ständig drehenden Erfolgsspirale, den Änderungen in der Gesellschaft, der Harmonie zwischen Job und Familie? Die Ursachen waren damals ebenso vielfältig wie heute. Dr. Herbert Pfisterer vermutete dahinter sogar den Einfluss einer stärker werdenden ‚New-Age-Bewegung‘, von der heute keiner mehr spricht. Das New-Age des 21. Jahrhunderts hat weder geistig noch spirituell den erhofften Segen gebracht.

Gesundheitsbildung
und medizinische Aufklärung

Gesundheitsbildung, Patientenschulung und medizinische Aufklärung waren da wohl die seriöseren Ansätze um vor allem den Ruf des Staatsbades zu festigen. „Medizinische Aufklärung ist gefragt, die Kurgäste danken es.“ Und damals konnte man nicht einfach mal bei Google nachfragen. Der moderne Mensch sei gefordert von einer Gefährdung von Herz und Kreislauf, Bewegungsarmut, Allergien, Stress, Blutzucker und Bluthochdruck. Das klingt für uns auch heute noch nicht ganz unbekannt. „Kur- und Fachärzte sollen zwischen Arzt und Patienten ein Gefühl der Partnerschaft und des ‚Vertraut-Seins‘ herstellen.“

Das Hotelsterben begann bei den Pensionen

Das Hotel ‚Bayerischer Hof‘ und ‚Salzburger Hof‘ standen damals noch unter der Leitung der Hoteliersfamilie Herkommer, -Die Pensionen Villa Augusta, Hotel Aurora, Gästehaus Eisenrieth, Gästehaus Laxenburg, Haus garni Rosette gibt es heute nicht mehr, ebenso das Hotel Tiroler Hof, Hotel St. Peter, Sanatorium Dr. Mack, Sanatorium der Barmherzigen Brüder, Hotel Panorama, Hotel Hansi, Kuranstalt Geyer und auch die anderen Kuranstalten, die einstigen Hochburgen der Gesundheit. Einige der wenigen Pensionen die überlebt haben ist das Hotel Steiermark. Es feiert im Februar sein 50-jähriges Bestehen.

Dazu zählten die Kuranstalt Fürstenbad, das Viktoriabad, das Staatlich-Städtische Kurmittelhaus, die Kuranstalt Becker und auch die Kuranstalt Salus, die heute zur Klinik ausgebaut ist. Seit 30 Jahren ist in Bad Reichenhall kein neues Hotel mehr gebaut worden, ganz im Gegenteil. Viele haben für immer geschlossen. Die Hotels und Pensionen hatten damals auch noch keine Sterne, selbst nicht das Grandhotel Axelmannstein, es brauchte sie auch nicht, denn unter der Leitung von Steigenberger war es jeder Kritik enthoben und prominenten Gäste aus aller Welt logierten hier.

Kur-Anstalten: Es ist paradox, doch sie wurden teilweise wie Anstalten geführt. Lange Wartezeiten, bis man endlich mit seinen ambulanten Kuranwendungen an der Reihe war. Doch sie haben viel für die Volksgesundheit geleistet.