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Sind Mikrodepots eine Chance für den Einzelhandel?

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Das Mobilitätskonzept des Landkreises Berchtesgadener Land wurde im Jahr 2018 präsentiert und sah neben dem Ausbau von Radwegen auch Konzepte für Mikrodepots für den innerörtlichen Zustellverkehr und die „Errichtung von Mobilitätsstationen“ vor. Mit allen drei Themen befasste sich der Kreisausschuss des Landkreises für Umweltfragen, Energie, Landkreisentwicklung und Mobilität in seiner jüngsten Sitzung am Mittwoch. Um für die Umsetzung eine tragfähige Grundlage zu finden gab der Landkreis Gutachten in Auftrag, die jetzt vorgestellt wurden. Landrat Bernhard Kern betonte, dass es jetzt an der Zeit sei, ins Handeln zu kommen.

Paketstationen, wie hier in Bad Reichenhall, werden als Untervariante eines Mikrodepots verstanden. Fotos: Gerd Spranger

67.000 Euro für ein Gutachten

Mit einer Machbarkeitsstudie zur Errichtung von Mikrodepots beauftragte der Landkreis das Unternehmen Traffic Consultants GmbH aus München. Die Kosten für das Gutachten belaufen sich auf 67.000 Euro, 61 Prozent, nämlich 41.000 Euro, davon werden gefördert, erläutert Verkehrsmanager Johann Wick vom Landratsamt in seinem Sachvortrag. Mikrodepots hätten dabei zwei essentielle Entwicklungspotentiale. Sie verringern mit einer Reduktion des Verkehrsaufkommens die Emission von Treibhausgasen. Auch böten sie mit der Einbindung von Handwerk und Einzelhandel eine Verknüpfung von stationärem und digitalem Handel, führt der Verkehrsmanager aus.

Dr. Wolfgang Kieslich

Dr. Wolfgang Kieslich, Gesellschafter von Traffic Consultants, zeigte in seiner Abschlusspräsentation den Mitgliedern des Kreisausschusses Grenzen und Möglichkeiten der Idee auf. „Von der eigentlichen Idee ausgehend, nämlich KEP-Dienstleistern wie Kurier-, Express- und Paketdiensten mit Mikrodepots eine gemeinsame Logistikbasis anzubieten, ist das Projekt wirtschaftlich nicht zu realisieren. Zudem findet es in dieser Form keine Zustimmung bei den Unternehmen,“ führt er aus. Ein anderer Ansatz aber habe sich als vielversprechend gezeigt. Es ist die Einbeziehung des Einzelhandels vor Ort.

Einzelhandel zeigt kein Interesse

Der jedoch zeigt sich der Idee, Mikrodepots für eine Belieferung von Kunden zu nutzen, noch nicht überzeugt. Für eine gewünschte „aktive Einbindung des Einzelhandels, war dieser ausgesprochen zurückhaltend. Nur 35 Fragebogen wurden zurück gesandt und an einem Workshop nahmen nur zwei Vertreter aus diesem Bereich teil“, bedauert Johann Wick.

Dr. Wolfgang Kieslich führte seine Vision für den Aufbau, Entwicklung und Perspektive für Mikrodepots weiter aus. „Es ist allemal besser, die Waren mittels E-Lastenfahrräder im Ort zustellen zu lassen, als durch alte, stinkende und emissionsbelastende Vans“, ereifert er sich und erläuterte zunächst die Funktion von Mikrodepots. Es sind Paketstationen mit einzelnen Fächern, in welchen die Waren von Paketdienstleistern abgelegt und durch einen einmaligen Code gesichert sind. Sie können von den Kunden rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche (24/7) abgeholt oder würden mittels Lastenfahrräder zugestellt werden. Mit der Einbeziehung des Einzelhandels in das System könne so eine regionale Stadtlogistik aufgebaut werden, führt Kieslich aus und wertet dies als eine gute Chance für die Region.

Homogenes Stadtbild durch Monopolisierung?

Ziel für die Kommune sei dabei die Gestaltung eines homogenen Stadtbildes, die Reduzierung der städtischen Lieferverkehr-Emissionen und eine Stärkung des Einzelhandels. Auch das Interesse der KEP-Dienstleister dürfte zunehmen. Es gäbe eine Marktveränderung innerhalb der Branche hin zu mehr Nachhaltigkeit bei gleicher oder verbesserter Wirtschaftlichkeit. Zudem verzeichneten sie eine nur geringe Kundenbindung durch das Einschalten von Subdienstleister und „Rand-Regionen“ wie das Berchtesgadener Land würden die KEP-Unternehmen zum Handeln motivieren. Letztlich sei darüber hinaus die Bereitschaft der Bürger für einen regionalen Einkauf vorhanden. Mikrodepots würden den Service und die Logistik für den Einzelhandel verbessern.

Ein Regionalmanager soll es richten

Um die Sache voran zu bringen brauche es einen Regionalmanager, eines regionalen Kümmerers, wie Dr. Kieslich es ausdrückt. Er soll in Abstimmung mit den Kommunen und Städten eine einheitliche und koordinierte Marketingkampagne durchführen und Nutzer wie Einzelhändler für eine regionale Stadtlogistik gewinnen und einbinden. Zudem müsse ein regionaler Dienstleister für die Zustellung mit Lastenfahrrädern gefunden werden. Ebenso sei für den Erfolg für den örtlichen Einzelhandel der Aufbau einer einheitlichen Online-Handelsplattform auf Landkreisebene nötig.

Ohne dass es im Konzept ausdrücklich erwähnt wurde, haben die zeitweise Betriebsschließungen und die Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Verordnungen den Handel zum Handeln gezwungen. Mikrodepots böten die Möglichkeit eines kontaktlosen regionalen Wareneinkaufs. „Der Einzelhandel muss an das Pilotprojekt herangeführt werden, er ist durch Corona traumatisiert“, unterstellt Dr. Kieslich.

Regionale Stadtlogistik mit Lastenfahrrad

Ob dem Projekt letztlich der Erfolg beschieden ist, sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen, auch wenn es erfolgsversprechend sei. Das Unternehmen Traffic Consultants GmbH kommt jedenfalls zu dem Schluss: „Die positive Bewertung aller Machbarkeitsindikatoren im Berchtesgadener Land sprechen für die Umsetzung eines Pilotprojekts ‚Regionale Stadtlogistik‘.“ Gemeint ist damit die Organisation und Bündelung der Paket- und Warenauslieferung mit einem Lastenfahrrad in Zusammenarbeit mit einem privaten Dienstleister zu etablieren. Ergänzend sollten in Freilassing zwei und in Laufen eine kommunale Paketstation mit Kühlfächern errichtet werden.

Erst wenn das Projekt mit Erfolg arbeitet, soll in einer zweiten Phase Bad Reichenhall an den Start gehen und eine Erweiterung nach Oberndorf und Salzburg sind zusätzlich angedacht. Jedoch, so schränkt Johann Wick ein, „bedarf es zunächst einer entsprechenden Beschlussfassung der für das Pilotprojekt vorgesehenen Städte.“ Auch, wird im Sachvortrag festgehalten, „ sei es grundsätzlich keine Landkreisaufgabe, einen Wirtschaftszweig mit Logistik in Verbindung mit Paket- und Warenzustellung zu etablieren. Aus rechtlichen Gründen darf der Landkreis hier allenfalls in der Einstiegsphase eine koordinierende und unterstützende Funktion ausüben.“

Die Kommunen müssen bezahlen

Letztlich dürften auch die entstehenden Kosten bei der Frage einer Realisierung entscheidend für die Kommunen sein. Im Gutachten werden für das erste Projektjahr für die Investitionen und den Betrieb von E-Lastenfahrrad mit Fahrradbox und einer Paketstation mit 30 Schließfächern 87.500 Euro zugrunde gelegt. Davon würden aus dem Programm „Smart Cities“ zwar 65 Prozent gefördert, doch 30.625 Euro verbleiben bei der Kommune. Nach Ablauf des Förderzeitraums müssten die Kommunen jährliche Kosten von 47.000 Euro tragen.

Einstimmig hat der Landkreis-Ausschuss die Machbarkeitsstudie zur Einrichtung von Mikrodepots zur Steigerung der Effizienz im innerörtlichen Warenzustell- und Lieferverkehr in den Städten Laufen, Freilassing und Bad Reichenhall zur Kenntnis genommen. Die Landkreisverwaltung wird beauftragt, unterstützend für die beteiligten Städte und aufbauend auf den Ergebnissen der Studie eine Projektskizze zur Einrichtung eines Pilotprojektes zu erarbeiten und koordinierend bei der Klärung der offenen Fragen mitzuwirken.

Hier geht’s zum Kommentar. https://meinreichenhall.wordpress.com/2021/07/22/mikrodepots-der-wille-des-kreistages/