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Landkreis hilft der Jugend

Der Landkreis Berchtesgadener Land unterstützt in der Jugendhilfe viele Vereine und Projekte –
Caritas erhält eine Million Euro

Jugendhilfe ist eines der zentralen Anliegen des Landkreises. Viele Aufgaben sind auf Vereine und Institutionen wie Caritas, Lebenshilfe, Kreisjugendring oder auf katholische und evangelische Jugendorganisationen verteilt. Blickt man auf die jüngste Tagesordnung des Jugendhilfe-Ausschusses des Landkreises Berchtesgadener Land ist es vor allem die Caritas Berchtesgadener Land, die in vielen Bereichen tätig ist und somit auch den höchsten Förderbedarf von rund einer Million Euro für das Jahr 2021 für sieben Geschäftsbereiche anmeldet. Der Jugendhilfe-Ausschuss stimmte dem einstimmig zu und der Kreistag wird in der nächsten Sitzung dazu einen Beschluss fassen.

Die neue Tugend ist auch beim Jugendhilfe-Ausschuss zu sehen: Abstand halten. – Foto: Gerd Spranger
Die psychologische Beratungsstelle

Größter Posten ist mit 528.398 Euro der Zuschuss für die Psychologische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Freilassing, Berchtesgaden und Bad Reichenhall. Aktuell käme es aufgrund der Corona-Maßnahmen zwar zu weniger Anmeldungen, tendenziell aber sei der Bedarf steigend. 2019 zählte man mit 437 Neuanmeldungen 64 Kinder mehr als im Vorjahr. Aufgrund der Ausgangssperren zogen viele eine telefonische Beratung vor. „Es hatte den Eindruck, als bewegte sich die Bevölkerung nicht mehr nur nicht im öffentlichen Raum, sondern war zu einer eher generellen Schockstarre übergegangen“, heißt es in der Antragsbegründung wörtlich. Im Sommer haben die Neuanmeldungen dann wieder stark zugenommen. Aktuell registriere man eine große Anzahl neu bei den Familiengerichten verhandelter Familienangelegenheiten und sehr viele Anfragen zu ‚begleiteten Umgängen‘. Verschärft haben sich bereits vor der Krise schwelende Konflikte zu Eskalationen, die besonderer Intervention seitens der Caritas bedurften.

Defizite beim Lernen

Mit 234.314 Euro ist der Präventionsbereich der zweitgrößte Kostenpunkt bei der Caritas. Es geht vor allem um Lernstörungen. Im vergangenen Schuljahr nahmen 90 Kinder einzeltherapeutische Förderungen in Anspruch und 274 Anfragen wurden zu Lern- und Leistungsfragen gestellt. Für die Bereiche Lese-Rechtschreibstörung, Dyskalkulie, AD/H/S hat das Landratsamt Berchtesgadener Land zusammen mit der Psychologischen Beratungssteller für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas eine besondere therapeutische Unterstützungsmöglichkeit geschaffen. Sie greift bevor formal ein Anspruch auf Eingliederungshilfe genommen werden kann. Denn Anspruch auf Eingliederungshilfe haben Kinder und Jugendliche dann, „wenn ihre seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für ihr Lebensalter typischen Zustand abweicht“, heißt es in der Erläuterung für die Zugangsvoraussetzung. Dem gegenüber sei das Unterstützungsangebot der Psychologischen Beratungsstelle ein niederschwellig angesetztes Angebot für Kinder und Jugendliche. Zugang zu diagnostischen Leistungen haben damit alle Familien, die eine Fragestellung zum Arbeitsverhalten, zur psychischen Befindlichkeit und zu Aspekten der schulischen Leistungen ihrer Kinder geklärt haben wollen.

Drogen und Begleitung

Weitere Zuschussanträge der Caritas betrafen die Mobile Drogenprävention (45.000 €), Begleitete Umgänge bei Trennungen und Scheidungen (66.161 €), Präventive Maßnahmen (53.442 €), die Beschäftigung einer Sozialpädagogischen Fachkraft (44.935 €) und für „Angeleitete Umgänge bei Vollzeitpflege“ (39.521 €). Mehr dazu lesen Sie in einer unserer nächsten Ausgaben.

Hilfe für Schrei-Babys

Das Heilpädagogische Zentrum Berchtesgadener Land in Piding ersucht um eine Förderung von 18.222 Euro für eine „Schrei-Baby-Beratung“. Hilfe bietet hier die Frühförderstelle an. Bei ‚Schreibabys‘ würden Eltern häufig von Schuldgefühlen, Ohnmacht und Hilflosigkeit geplagt. „Warum Säuglinge exzessiv schreien, sei bis heute trotz jahrelanger Forschung nicht eindeutig“, heißt es weiter im Antrag. Was den Babys tatsächlich zu schaffen mache, sei das Lebens selbst. Sie müssen viele Reize verarbeiten, einen eigenen Rhythmus finden und sich selbst regulieren. Dabei komme es häufig zu Regulationsstörungen. Babys und Kleinkinder seien dabei bis zur Beendigung des dritten Lebensjahres auf die Hilfe der Eltern angewiesen. Der Antrag auf Förderung wurde vom Jugendhilfeausschuss einstimmig angenommen, „sofern der Kreistag diese Mittel im Rahmen der Beschlussfassung des Kreishaushaltes 2021 bewilligt“, heißt es auch hier, wie bei allen anderen Anträgen.

Gelder für das Eltern-Kind-Programm

Auch das katholische Bildungswerk Berchtesgadener Land e.V. beantragt eine Förderung des Eltern-Kind-Programmes für das Jahr 2020 und 2021 sowie von Elternfrühstück und Elternwerkstatt von insgesamt rund 31.000 Euro. Einen Zuschuss soll des Erzbischöflichen Ordinariat München zur Ehe,- Familien- und Lebensberatung für den Landkreis Berchtesgadener Land für 2021 über 17.000 Euro erhalten. Der Kreisjungendring Berchtesgadener Land beantragt „zur Sicherstellung der aktuellen Handlungsfelder die notwendigen finanziellen Mittel in Höhe von 119.650 Euro.“ Größter Posten ist hier der Personalkostenzuschuss in Höhe von 89.300 Euro. Weitere Zuschüsse zwischen 1.100 und 2.300 Euro gehen an die Schwimm-Sport-Gemeinschaft Bad Reichenhall für eine neuen Vereinsbus, an den Kreisjugendring für das Projekt „Virtuelles Jugendhaus“, an die Jugend der Pfarrei Feldkirchen für die Anschaffung einer neuen Küche für den Jugendraum und an die Pfadfinder Mitterfelden für das Sommerlager „Zeitreise“ im Zellhof am Mattsee.

Prävention und Gesundheitsförderung mit dem Kneipp-Verein

2021 feiern die 600 Kneippvereine in Deutschland den 200-jährigen Geburtstag des Pfarrers Sebastian Kneipp, der im Volksmund spätestens mit Erscheinen seines zweiten Buches „So sollt ihr leben!“ als Wasserdoktor betitelt wurde. Dabei hatte er besonders mit der Ärzte- und Apothekerschaft viel Ärger, die ihn der Kurpfuscherei bezichtigte.

Er musste 1854 sogar eine Erklärung unterschreiben, „fürder auch solchen Unglücklichen nicht mehr zu helfen, die angeblich keine ärztliche Hilfe mehr fanden“. Der engagierte Pfarrer aber ließ sich nicht lange aufhalten, denn in Oberbayern wütete bald darauf eine Choleraepidemie und Sebastian Kneipp hatte sich in seinen jungen Jahren mit seiner „Wassertherapie“ selbst von der Tuberkulose geheilt.

An heißen Sommertagen eine Wohltat: eine Abkühlung am kalten Wasser. Aber auch sonst gut für die Gesundheit, zur Stärkung des Immunsystems – Fotos: Gerd Spranger

1855 wurde Kneipp Beichtvater und Hausgeistlicher im Kloster Wörishofen der Dominikanerinnen und entwickelte seine Lehre von den fünf Säulen der Gesundheit, gemäß dem Motto: „Gesundheit bekommt man nicht im Handel, sondern durch den Lebenswandel“. Zu ihnen zählen bis heute die Wassertherapie, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und Kräuter sowie eine „Ordnungstherapie“, die den ganzheitlichen Ansatz von Geist, Körper und Seele verfolgt.

Eine gute work-live-balance pflegen

Der Vorsitzende des Kneipp-Vereins Berchtesgadener Land, Heinz Becker, spricht von einer ausgewogenen work-live-balance. Und er muss es wissen, war er selbst 25 Jahre lang Geschäftsführer eines großen technischen Unternehmens im Salzburger Land. Seit 18 Jahren ist er Mitglied im Kneippverein und seit fünf Jahren dessen Vorsitzender. Wie hoch aktuell der Ansatz des „Wasserdoktors“ ist, wird etwa in einem Vortrag von Klaus Erhardt (†), dem Vorgänger von Heinz Becker, aus dem Jahr 2005 deutlich.

Heinz Becker ist der Vorsitzende des Kneippvereins im Berchtesgadener Land. Der Verein setzte sich auch für die Errichtung einer Kneippanlage im Kurgarten von Bad Reichenhall ein.

Er sprach bereits damals über die Risiken einer Grippepandemie angesichts einer drohenden Vogelgrippe und fragte, was man aus naturheilkundlicher und kneippscher Sicht dagegen tun könne. Dabei betonte er die Wichtigkeit der körpereigenen Abwehr im Kampf gegen Viren und Bakterien. Im Januar 2020 kritisierte der Präsident des Kneipp-Bundes, MdL Klaus Holetschek, das Gesundheitssystem in Deutschland ganz in der Tradition von Sebastian Kneipp: „Es ist an der Zeit, unser Gesundheitssystem völlig neu zu denken. Es richtet sich immer weniger auf den Menschen aus. Wenn wir die Tragweite von Fehlentwicklungen nicht begreifen, laufen wir Gefahr, dass unser Gesundheitssystem irgendwann kollabiert und unser Solidarsystem ausgesaugt wird“, so der Politiker.

Gesundheit ein wertvolles Gut

Seine Mahnung wirkt heute, auf dem Höhepunkt der Coronakrise, prophetisch. „Bei vielen Themen treten wir auf der Stelle und werden den Patienten nicht mehr gerecht. Es geht um Defizite im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung, der Stillstand in der Pflege trotz zahlreicher punktueller Maßnahmen und Reformen, fehlende Lösungen für eine bessere Verbindung von ambulant und stationär, und nicht zuletzt der bedenkliche Anstieg kapitalgeführter und profitorientierter Konzernpraxen. Wo das Primat von Kapitalinteressen herrscht, fehlt es systembedingt an der ärztlichen Fürsorge“, mahnt Holetschek.

Noch ist die Kneippanlage geschlossen, auch wenn die ersten warmen Tage des Jahres die Frühlingsgefühle wecken. Corona hat vieles geändert.

Christian Dannhart M.A., Geschäftsführer des Kneippbundes aus Bad Wörishofen bekräftigt aktuell diese Einschätzung. „In den letzten Tagen häufen sich die Anfragen nach Maßnahmen der Prävention und Vorbeugung durch die Medien bei uns.“ Für Heinz Becker aus Bad Reichenhall sind die Empfehlungen des Pfarrers Sebastian Kneipp längst zu einem wesentlichen Teil seines Lebensstils geworden, besonders in Zeiten der Coronakrise. „Spaziergänge an der frischen Luft, tägliches warm-kaltes Duschen, eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse, gesunde Tees und Kräuter sowie Optimismus und Dankbarkeit helfen dem heute 70-Jährigen auch durch schwere Zeiten. Bei der jungen Generation sieht er eine Hinwendung zu einem gesunden Lebensstil.

„Allerdings bleibt für Engagements in Vereinen häufig nicht die Zeit. Studium und Beruf fordern so schon einen 14-Stunden-Tag. Da ist man dann nur punktuell zu weiteren Aktivitäten bereit. An Action und Abenteuer, wie etwa im Alpenverein oder bei der Feuerwehr, haben wir nicht viel zu bieten. Wir pflegen das gesunde Kneippen und Wandern und treffen uns 14-tägig zum gemütlichen Zusammensein und Austausch im Kaffeehaus. Der Verein zählt aktuell 202 Mitglieder plus sieben Kinder.“

Nachteile einer modernen Lebensweise

Wie nachhaltig und prominent der Pfarrer und Wasserdoktor aus Bad Wörishofen ist und war, zeigt ein Blick auf seine Geschichte. Grundsätzlich sprach sich der Geistliche und Naturheilkundler gegen ‚die moderne Lebensweise‘ aus. Er beharrte sein Leben lang auf eine kostenlose Behandlung von mittellosen Kranken und Waisenkindern. Ende 1893 wurde Kneipp von dem römisch-katholischen Papst Leo XIII. zum Päpstlichen Geheimkämmerer ernannt und vom Lateinischen Patriarchen von Jerusalem zum Komtur des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Er behandelte den Papst ebenso wie Erzherzog Joseph von Österreich. 2015 nahm die deutsche UNESCO-Kommission das Kneippen als „traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps“ in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf.